DER SCHÖNSTE TAG IN MEINEM LEBEN

Der schönste Tag in meinem Leben         (Il più bel giorno della mia vita; Italien 2002)

Regie: Cristina Comencini.
Buch: Cristina Comencini und Giulia Calenda
Mit: Virna Lisi (Irene), Margherita Buy (Sara), Sandra Ceccarelli (Rita), Luigi Lo Cascio (Claudio), Marco Baliani (Carlo), Jean-Hugues Anglade (Davide), Maria Luisa de Crescenzo (Chiara) u.a.
104 Minuten         (5 von 10 Punkten)

Der schönste Tag in meinem Leben
(Bildrechte: Movienet Filmverleih)

Zu Beginn sehen wir Bilder einer italienischen Villa, dem Stammhaus der vielköpfigen Familie, um die es im Film geht. Im Wechsel sind Momentaufnahmen des Anwesens mit Stimmen unterlegt, die Eindrücke sind die eines idyllischen, Leben bejahenden Ortes, während in der darauf folgenden Einstellung Stille herrscht und die ehrwürdigen Mauern mit der Patina mangelnder Fürsorge, ja Verwahrlosung überzogen sind. Die Zeiten sind nicht mehr so, wie sie einst waren, vieles hat sich geändert, wollen uns die Bilder sagen. Und schon stellen wir uns die bange Frage, ob „Der schönste Tag in meinem Leben“ vielleicht nicht ganz wörtlich gemeint ist.

In der Tat ist der Titel irreführend, denn der Kommunionstag der kleinen Chiara stellt nur den Kulminationspunkt einer langen Entwicklung dar, die durchweg jedes Mitglied der Familie mit Problemen mit sich selbst und seiner Lieben durchschreitet. Bei Chabrol würde man sagen, dass jeder Dreck am Stecken bzw. eine Leiche im Keller hat. Hier hingegen hat mit Regisseurin Cristina Comencini eine Frau die Zügel in der Hand und es geht beziehungstechnisch etwas filigraner zu.

Irene, die Matriarchin, sehnt sich nach alten Zeiten zurück, als die nun beinahe leere Villa mit Leben erfüllt war und die Illusion einer heilen Familienwelt in sich barg. Ihre älteste Tochter Sara ist nach dem Tod ihres Mannes keine feste Beziehung mehr eingegangen und hat sich ganz der Umsorgung ihres jetzt ca. 17-jährigen Sohn verschrieben. Die zweite Tochter Rita sieht ihre Ehe erkalten und findet kurze Momente des Glücks in den Armen ihres Liebhabers, während ihr Mann Carlo um den Erhalt der Beziehung kämpft, ohne die Sensibilität zur Ergründung der Krise aufzubringen. Irenes Sohn und eigentlicher Liebling Claudio meidet gar den Kontakt zu seiner Mutter, weil er ihr nicht offenbaren kann, dass er mit einem Mann zusammenlebt. Ihre Kindeskinder bleiben auch nicht von Problemen verschont, allerdings passt hier alles in die Schublade „Spätpubertät“ hinein. Die einzige, die behütet und unbelastet in den Tag hinein lebt, ist die oben erwähnte Chiara, Ritas zweite Tochter

Ein multiples Beziehungsgeflecht; blickt man da noch durch? Es gelingt gezwungenermaßen, denn die Szenen springen von einem „Konfliktherd“ zum nächsten, schon bald wissen wir nachdrücklich, wo wem der Schuh drückt. Die Drehorte wechseln zwischen den römischen Domizilen der Kinder und der Villa irgendwo auf dem Land, aber vom Dramaturgischen sind wir immer ganz nah an den Figuren dran. Wir verfolgen sie auf Schritt und Tritt, blicken in ihre Gesichter, erleben durch Gestik und Mimik mehr von ihren Gedanken mit, als sie durch Worte ausdrücken. Das Ganze besitzt dadurch Anleihen eines Kammerspieles – was besonders zu Beginn gewöhnungsbedürftig ist – und man hat den Eindruck eines sehr dialoglastigen Filmes, obwohl es erstaunlich viele stille Momente gibt.

Und das nicht nur zwischen den Figuren selbst, sondern Comencini baut strategisch klug Bilder, Eindrücke, Stilleben der Ewigen Stadt ein: Die Dächer der Häuser und Kirchen bei Sonnenaufgang, steinerne Statuen aus der Vogelperspektive, die Schönheit eines Brunnens erwächst imposant, als sich aus einer Detailaufnahme die Totale entwickelt. Im Gegensatz dazu wirken z.B. die Szenen, die im Schlafzimmer von Carlo und Rita spielen, geradezu klaustrophobisch. Über allem schwebt eine Atmosphäre der Schwere und Tristesse, ausgelöst durch die Sorgen, Zwänge und das verdrossene Ringen der Protagonisten. Selbst in der sonnendurchfluteten Villa dringt die viel beschworene südländische Leichtigkeit nicht an den Tag, auch hier verbirgt sich bislang Unbekanntes aus der Vergangenheit hinter dem schönen Schein.

Wie gesagt: Der euphemistische Titel des Films gilt nur für Chiara, und selbst sie merkt mit kindlichem Instinkt, dass an ihrem Festtag eine Wende eintritt. Allerdings habe ich über 100 Filmminuten vergeblich auf die von der Werbung versprochenen „bittersüßen“ Momente (vgl. das deutsche Filmplakat) gewartet. Die persönlichen Schwierigkeiten der Protagonisten überwiegen unbarmherzig und fordern ihr Maß an Aufnahmebereitschaft und Mitgefühl ein. Dem, der mit einer anderen Zielsetzung in den Film gekommen ist, steht eine harte Zeit bevor.


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