MUSIK FÜR HOCHZEITEN UND BEGRÄBNISSE

*** MUSIK FÜR HOCHZEITEN UND BEGRÄBNISSE / MUSIKK FOR BRYLLUP OG BEGRAVELSER * Norwegen 2002 * Musik: Goran Bregovic * Drehbuch und Regie: Unni Straume * Darsteller/-innen: Lena Endre, Björn Floberg, Rebecka Hemse, Petronella Barker, Goran Bregovic, u. a. * 97 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Musik für Hochzeiten und Begräbnisse
(Bildrechte: Alamode Film)

Synopsis: Sara (Lena Endre), von Peter (Björn Floberg) geschieden und Mutter ihres gemeinsamen und bei einem Treppenunfall ums Leben gekommenen Sohnes Kristian, lebt als Schriftstellerin (ihr letztes Buch behandelt verquasuliert den Verlust ihres Kindes) in einem von ihrem Ex-Mann Peter, einem Star-Architekten, gebauten hypermodernen Haus an irgendeinem namenlosen norwegischen Fjord.

Ihr kalter und scheinbar in seinem Leben wie in seiner Architektur zutiefst durchstrukturiert („Klare Linien!“) wirkende Ex-Ehemann ist bei seinem Besuch (er will am nächsten Tag im naheliegenden Krankenhaus einige medizinische Tests über sich ergehen lassen, da er glaubt, an einem Gehirntumor erkrankt zu sein) vollends entsetzt darüber, dass die einsame Sara sich einen Untermieter zugelegt hat. Einen Musiker noch dazu, ausgerechnet vom Balkan: Bogdan (Goran Bregovic), ein Serbe.

Bogdan wohnt im Keller, und Sara hat eingewilligt, für sein Zigeuner-Orchester dort unten einen Proberaum einzurichten – doch ihr völlig schematisch denkender Ex-Mann hat dafür natürlich noch weniger Verständnis als für die bloße Anwesenheit des mysteriösen Musikers. Wie dem auch sei: Peter liegt in jedem Fall am nächsten Morgen tot am unteren Ende der Treppe, auf der auch sein und Saras Sohn Kristian seinen allzu frühen Tod fand: Er scheint sich selbst erschossen zu haben, offenbar überzeugt davon, dass sein Gehirntumor tödlich sei.

Nun bekommt es Sara mit Peters neuer Frau (Petronella Barker) und deren gemeinsamen Kind zu tun, eine von Peters zahlreichen Geliebten (Kara, gespielt von Rebecka Hemse) taucht unangekündigt auf und schließlich erscheint auch Bogdan mitsamt seinem vielköpfigen Zigeuner-Orchester („Wir spielen Musik für Hochzeiten und Begräbnisse!“) im Keller und bringt endgültig die wohlstrukturierte architektonische und seelische Ordnung in Saras Betonverlies durcheinander …

Kritik: MUSIKK FOR BRYLLUP OG BEGRAVELSER ist ein vollkommen merkwürdiger Film, der reichlich unentschlossen zwischen Ehemelodram / Kammerspiel à la Ingbar Bergman, Hitchcock-Krimi und Kusturicas Balkan-Grotesken hin und her pendelt und besonders zum Ende hin leider ein wenig stringentes Bild abgibt.

Aber er ist absolut sehenswert und besticht vor allem in der ersten Hälfte durch bisweilen grausame und hintergründige Komik – besonders das in jeder Hinsicht furchtbare Haus (genau diese Art von Bungalow, die man heutzutage immer als „state of the art“ unter die Nase gerieben bekommt, including „Minimalismus“, „klarer Linien“ und „Struktur“), welches stark an das Horrorhaus in Jaques Tatis MEIN ONKEL erinnert – interessanterweise liegen zwischen beiden Filmen mehr als 40 Jahre und die Damen und Herren Architekten scheinen immer noch nicht dazu gelernt zu haben – wird elegant vom Kamerateam in Szene gesetzt; dahingehend selbstverständlich, dass man als geneigter Zuschauer vor lauter seelischer Kälte bald zu frösteln anfängt.

Das Ganze läuft dann auch passend zu den auf der Leinwand dargestellten eiskalten Gefühlen und Umgebungen in fast völliger Dunkelheit und Stille ab – die alles dominierende männliche „Genialität“ des in seiner banalen Dummheit völlig erstarrten Peter dominiert eindeutig über die sich nach Wärme und wenigstens ein bißchen mehr Unordnung in ihrem Leben sehnende Sara, bis … ja, bis der Architektur-Gott Peter sich off-screen Gott sei Dank selbst erschießt und die Frauen ins Spiel kommen. (Welche im übrigen – mal abgesehen von Sara selbst – zunächst völlig von Peter dominiert, äh … besser gesagt „domestiziert“ zu sein scheinen.)

Dummerweise nimmt die Qualität des Streifens nach dem Tod der unsympathischen männlichen Hauptrolle (Peter) plötzlich rapide ab (gleichzeitig mit dem Verlust der Person des Peter verliert der Film auch seine zunächst so überzeugende grausame Stringenz) – die Frauen verstricken sich in belanglose Gespräche über Gott (Peter) und die Welt, keine (außer Sara) scheint wirklich einen Neuanfang im Auge zu haben, bis !endlich! Bogdan (Goran Bregovic) mit seiner anarchi(stis)chen Zigeuner-Kapelle im Keller auftaucht und die ganze Bande sich in etwa wieder daran erinnern kann, was „Leben“ !verdammt nochmal! auch bedeuten kann: Die Stille wird zerrissen durch die schmetternden Trompeten der Sinti und Roma und am nächsten Morgen liegt die Partygemeinschaft buchstäblich in der eigenen Kotze. Doch der allgemeine Kater am nächsten Morgen ist auch der Beginn eines neuen Lebensabschnitts für nahezu alle Beteiligten …

Dummerweise misslingt der norwegischen Regisseurin Unni Straume ihr happy end nahezu völlig, es bekommt sogar einen furchtbaren „Frauen nach der Menopause / SEX IN THE CITY / Sekretärinnen-Schmonzetten“-Unterton, wenn Sara letztendlich in den starken Armen Bogdans erwacht – und mit ihm durch ein von ihm geschlagenes Loch in der Wand ihres ach so perfekten Architekten-(Alp-)Traums von Haus in eine gemeinsame Zukunft (womöglich sogar in Serbien) blickt. Das ist leider eher Brech als Brecht. Nichtsdestotrotz bietet MUSIKK … hervorragende Ansätze zur tiefenpsychologischen Erörterung, vor allem auf architektonischem und politischen Gebiet. Denn dieser Film sollte zum einen allen Erstsemestern im Fachbereich Architektur gezeigt werden, damit diese zukünftigen Prachtbaumeister vielleicht endlich mal einsehen, dass man in den von ihnen so vehement propagierten „klaren Linien“ vielleicht auch l(i)eben will (wieso zum Teufel fragt sich eigentlich niemand, warum Altbauwohnungen so beliebt sind?).

Zum anderen – auf der politischen Ebene – wird hier wunderbar dargestellt, was der Balkan für uns EU-Bürger im Grunde benommen bedeutet (und !hey! ich liebe diese Interpretation des Films, daher auch meine höchst subjektive hohe Wertung!): Der Balkan liegt nämlich nicht umsonst im Keller – denn dorthin wurde er abgeschoben: Als europäisches Über-Ich, beziehungsweise Unterbewusstsein, erinnert der Balkan, seine Kultur (und vor allem natürlich seine völlig überirdische, wunderbare Musik) an etwas, an das EU-Europa und seine Einwohner am liebsten gar nicht erinnert werden möchten: Dass Europa eben nicht anhand „klarer Linien“ (Grenzen) gezogen wurde, geschweige denn auf diese Art und Weise strukturiert ist, sondern das da noch etwas anderes ist, etwas durchaus gefährliches und anarchi(sti)sches zwar (nicht umsonst waren die Balkankriege so absolut verstörend), aber eben auch etwas, was viel näher als wir gepflegten Vorzeige-Europäer es uns eingestehen möchten, am „wahren“ Leben orientiert ist und keine Angst hat – weder vor Geburt noch Tod – sondern dass diese unwiederbringlichen Lebensumstände einfach als zugehörig zum menschlichen Leben akzeptiert und nichts weiter. („Wir spielen Musik für Hochzeiten und Begräbnisse!“)

Daher passt es auch wunderbar ins Bild, dass der überkorrekte Peter sich seinen Gehirntumor nur eingebildet hat, dass die junge Studentin Kaja, die zunächst Peter als ihren Professor und Geliebten in den Himmel gehoben hat, nur Sekunden braucht, bis sie unter den Klängen von Bregovics Kapelle zur Wodka-Flasche greift und dass Peters Ehefrau Helen ihren Modeljob sausen lässt, sobald sie merkt, dass sie die Party ihres Lebens womöglich verpassen könnte. Der eine hat es halt nie begriffen, die anderen zwar zu spät, aber immerhin noch rechtzeitig: Es geht um „Hochzeiten und Begräbnisse“ im menschlichen Leben – und all die Freude und das Leid, das mit solchen ur-menschlichen Begebenheiten nunmal im Einklang steht – kann man eben nicht mit ordentlichen „klaren Linien“ umreissen. Dafür ist das Leben nunmal viel zu komplex, zu schwierig und zu schön und es bringt halt nichts, sich wider besseren Wissens dagegen zu sträuben. Darauf einen Wodka:

„Denn was ist schon eine Party ohne Schmerzen hinterher /
die Sünden wiegen schwer /
und leiden kann man nie genug“
(Element of Crime)


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