STATION AGENT

The station agent         (USA 2003)

Buch und Regie: Thomas McCarthy
Mit: Peter Dinklage (Finbar “Fin” McBride), Patricia Clarkson (Olivia Harris), Bobby Cannavale (Joe Oramas), Raven Goodwin (Cleo) u.a.
90 Minuten         (8 von 10 Punkten)

Station Agent
(Bildrechte: Polyfilm Filmverleih)

Kennt jemand die Handpuppe „Bernd, das Brot“? Im Kinderkanal? Ich mag ihn, diesen Laib Brot mit Mund und Augen, seinen Händen und kurzen Beinen. Und Peter Dinklage alias Finbar McBride hinterließ bei mir genau diesen Eindruck, wie er so durch die Straßen New Yorks oder über die Schienen in New Jersey läuft. Mit dieser Bemerkung mache ich mich natürlich der Angehörigkeit solcher Zeitgenossen verdächtig, die mit kleinwüchsigen Menschen nicht normal umgehen können. Aber es ist nicht böse gemeint; Bernd, das Brot ist schließlich auch ein ganz Netter.

STATION AGENT beeindruckt gleich zu Beginn mit einer bemerkenswerten, ja fast tragischen Schnörkellosigkeit. In nur ein paar Szenen wird gezeigt, was es für Fin (140 cm groß) heißt, in einer Welt für „Normalgroße“ zu leben. Er erträgt die Einschränkungen und (ungewollten, aber auch manchmal offenen) Diskriminierungen mit Ausdruckslosigkeit und innerer Beherrschung. Wir lernen schnell, dass das für ihn oft kein Spaß ist. Seine stoische Fassung schützt ihn vor dem Unbill, verhindert aber auch, Gefühle nach außen zu zeigen. Gefühle, die z.B. angebracht sind, nachdem sein Chef stirbt, mit dem ihn mehr als nur Kollegialität verband.

Der Film schlägt deutlich freundlichere, ja heitere Töne an, nachdem Fin in ein altes Bahnwärterhäuschen in Newfoundland, New Jersey, gezogen ist, das sein Boss ihm hinterlassen hat. Dabei bezieht STATION AGENT seine Leichtigkeit aus der Tatsache, dass die Personen, die in Fins Lebens treten, zwar allesamt Eigentümlichkeiten besitzen, die man gerne Kleinstadtbewohnern nachsagt, diese aber nicht klischeemäßig verteilt und nur um der Effekte willen eingesetzt werden. Die Figuren, liegen zwar alle leicht abseits der Norm, spielen sich aber schnell in die Herzen des Publikums, so dass man sich gern zu ihnen in das Kaff gesellen möchte.

Besonders kristallisiert sich das in Fins zwei engsten Bezugspersonen wieder: Joe (Bobby Cannavale), der mit seinem Imbissladen vor Fins Hütte einen Stammplatz hat, ist ähnlich introvertiert wie der Rasta-Verkäufer aus der Kit-Kat-Werbung („Man, you need sunglasses?“) und mischt Fins lakonische Welt in amüsanter Weise auf. Und bei der Mittvierzigerin Olivia (Patricia Clarkson, die Mutter aus PIECES OF APRIL) hat es auch so eine besondere Bewandtnis, warum sich ihre offenbare Zerstreutheit mit Phasen von Zutrauen und spröder Verbitterung abwechseln. Zwei, drei weitere Figuren ergänzen das kleine, aber feine Ensemble.

Die Nebenrollen, so gut sie auch ausgearbeitet und dargeboten sind, treten hinter dem unaufdringlichen und gerade deshalb beeindruckenden Spiel von Peter Dinklage zurück. Sein kleiner Fin ist der Held des Films, obwohl er weder geistig den Provinzlern überlegen ist noch im geringsten Aufmerksamkeit erregen will. Mimisch ist er auf nur feine Nuancen beschränkt, wir merken schnell, dass ihm Anfangs jede Begegnung mit Unbekannten, jeder Besucher in seiner Hütte suspekt ist. In seinen Spaziergängen auf den Gleisen, beim Lesen auf der Parkbank, ja selbst bei seinen kurz gehaltenen Antworten in Gesprächen wird seine introvertierte Art offenbar.

Dass seine kleine Welt nicht heil bleibt – und das ist positiv gemeint -, dafür sorgen auf liebenswerte und komische Weise schon die „Eingeborenen“ von Newfoundland, die allesamt einen guten Kern haben. Es ist ein feines Gleichgewicht zwischen einerseits deren Eindringen in sein Leben und andererseits von Fins Abbau von Ressentiments gegen jedermann, als er die Echtheit der Sympathie entdeckt, ja er selbst als unfreiwilliger Seelentröster konsultiert wird. Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit, ein kleiner, unaufdringlicher Film mit großer Wirkung. Eben wie Fin selbst.


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