VERGISS MEIN NICHT!

Vergiss mein nicht!         (Eternal sunshine of the spotless mind, USA 2004)

Regie: Michel Gondry. Buch: Charlie Kaufman
Mit: Jim Carrey (Joel), Kate Winslet (Clementine), Kirsten Dunst (Mary), Mark Ruffalo (Stan), Elijah Wood (Patrick), Tom Wilkinson (Dr. Mierzwiak) u.a.
108 Minuten         (6 von 10 Punkten)

Ich zitiere mal kurz aus den Kommentaren der Sneak-Preview*-Zuschauer/innen vom 04.05.2004: „Durchgeknallt, abgedreht, krank, konfus, obskur, schräg (2x), bizarr, skurril (5x), komplex (2x), abgefahren (2x), abstrus, grotesk, bizarr, absurd, genial (4x), surreal, verwirrend, verworren, verstörend“.

Eine weitere Einigkeit bestand darin, dass bei einem Skript von Charlie Kaufman nichts anderes zu erwarten gewesen sei; die Kenner des Metiers erinnerten sich an BEING JOHN MALKOVICH (1999) oder ADAPTATION (2002), zwei weitere, abseits des Mainstream-Kinos liegende Filme aus seiner Schreibe.

Den Erstgenannten hatte ich damals gesehen und mich mit seiner Art Humor nicht recht anfreunden können; VERGISS MEIN NICHT! stößt zum Glück nicht an jene Grenze in meinem Denken, an der ich mich resigniert frage, was das alles soll.

Im Film dreht es sich im Grunde alles um die alte Geschichte: Frau lernt Mann kennen, das ungleiche Paar verliebt sich, zerstreitet sich, sie verlässt ihn und streicht ihn aus ihrem Gedächtnis. Er aber kommt nicht von ihr los. Dass es zu mehr als den üblichen Verwicklungen kommt, dafür sorgt die Lacuna Inc., die auf persönlichen Wunsch hin praktisch über Nacht alle guten wie schlechten Erinnerungen aus deinem Kopf löschen kann.

Bereits ein Genuss ist es, die Hauptdarsteller in ungekehrten Rollen zu erleben. Jim Carrey überlässt Kate Winslet den Part des bunten, lebenshungrigen Paradiesvogels und fügt sich in die Rolle des blassen Normalos Joel, dessen Alltag in Monotonie zu versinken droht. In den ersten 15 Minuten des Films lernen sich die beiden (wieder) kennen, die Chemie zwischen den beiden stimmt, die Vibes schwingen auf das Publikum über, hach, in welch’ zuckersüßem Liebesfilm ich da doch bin.

Allerdings greifen Kaufman und Gondry nach diesem Präludium ganz tief in die Trickkiste und stürzen die Protagonisten und auch das Publikum in eine Welt voller großer Turbulenzen und kleiner Merkwürdigkeiten. Weiterhin dominiert die optisch dunkle, trübe Kaufman’sche Welt (wir sind schließlich nicht bei Tim Burton. Aber nachdem die Geschehnisse noch vor die Zeit bei Filmbeginn zurückversetzt wurden, erhält der lineare Erzählstrang eine gegenläufige Parallelhandlung. Während das Team um Dr. Mierzwiak eine Nacht lang an ihrem Patienten laboriert (und nebenbei seine eigenen Kapriolen schlägt), durchlebt das Publikum fragmentarisch und rückläufig die Stationen der Beziehung von Joel und Clementine. Dabei wechseln sich Bilder von berauschender Schönheit mit Schreckensvisionen ab, die aus einem surrealen Science-Fiction-Film stammen könnten. Die Flucht von Joels Erinnerungen durchbricht Grenzen von Raum und Zeit, wir als Zuschauer hasten hinterher, staunen, bangen, leiden mit. Sehr befremdlich, aber auch spannend und zusammengehalten von der großen Liebe von Joel zu Clementine. Es ist eben doch ein beinharter Liebesfilm.

Man wird den Eindruck nicht los, dass alle Beteiligten Spaß am Dreh hatten. Allen voran die Macher, die ihre Phantasien in einer aus ungewöhnlicher Perspektive erzählten Geschichte unterbringen vermochten. Sie werden sich vermutlich köstlich amüsieren über die Motive und Botschaften, die die Fachwelt in den Film hineininterpretieren. Ansatzpunkte mag es geben, aber, um es kurz zu machen: Es wäre fruchtlos, sich auf irgendeine Weise den Kopf zu zerbrechen. It’s just fun.

Dass man sich nicht allem anfreunden kann, was Gondry und Kaufman auf ihrer Spielwiese so treiben, liegt daran, dass eben nicht auf Publikumswirkung geschielt wird. Freunde unkonventioneller Formate und skurriler Ideen werden aber auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen und besonders durch eine Riege spielfreudiger Schauspieler belohnt werden.

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* Die Sneak-Preview im Cineplex Münster ist die Aufführung eines den Zuschauern zuvor nicht namentlich genannten Kinofilmes vor dem offiziellen deutschen Starttermin.


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