FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING

*** FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING / BOM, YEOREUM, GAEUL, GYEOWOOL, GEURIGO, BOM * Deutschland / Südkorea 2003 * Drehbuch und Regie: Ki-duk Kim * Darsteller/-innen: Yeong-su Oh, Ki-duk Kim, Young-min Kim, Jae-kyeong Seo, Yeo-jin Ha, Jong-ho Kim, Jung-young Kim, Dae-han Ji, Min Choi, Ji-a Park, Min-young Song * 103 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling
(Bildrechte: Pandora Film)

Synopsis: Südkorea, Gegenwart. In einem schwimmenden, buddhistischen Tempel auf einem abgeschiedenen See inmitten bewaldeter Berge leben ein alter Mönch und sein kindlicher Schüler, asketisch und kathartisch den Irrungen und Wirrungen des modernen Koreas allein schon durch ihre Gegenwart an diesem eremitischen Ort entsagend.

(Frühling.) Doch der junge Schüler macht seinem Meister allerhand Sorgen, denn er entwickelt sich nicht so, wie es sich für einen gelehrigen Buddhisten gehört – zum Beispiel quält er leidenschaftlich gern diverse Tiere (Fische, Frösche, Schlangen) und bindet ihnen Steine um, nur um sie danach kichernd ihrem Leiden zu überlassen.

(Sommer.) Jahre später. Inzwischen könnte man den Schüler als einen teenager bezeichnen, wäre er nicht dort, wo er ist und unter eben diesen Umständen dort wo er ist. Eine Mutter bringt ihre Tochter zum Tempel – besorgt um ihr Leben, denn die (selbstverständlich hübsche) Tochter erscheint unheilbar krank. Der alte Mönch kümmert sich um sie … während sich sein Schüler leidenschaftlich in das Mädchen verliebt, welches seinem so ungestümen, wie tolpatschigen Drängen irgendwann nachgibt. Der Schüler verlässt seinen Meister, um seiner Geliebten in die „reale“ Welt des modernen Südkorea zu folgen … womit das Unheil (im Wechsel der Jahreszeiten), seinen beinahe für sämtliche Protagonisten tödlichen Verlauf nimmt …

(Herbst.)

(Winter.)

(… und Frühling.)

Kritik: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich da gesehen habe. Ich kann „es“ zumindest nicht deuten. Und das liegt nicht nur daran, dass ich als bislang nicht sehr weit aus Mitteleuropa hinaus gekommener Mitteleuropäer wenig Ahnung von Normen, Regeln und Riten der buddhistischen Religion habe. (Ich kann mir höchstens vorstellen, dass es wahrscheinlich auch im Buddhismus ziemlich unorthodox sein mag, seinen Schüler zunächst auszupeitschen und dann in bester sado-masochistischer bondage-Manier an der Decke eines heiligen Tempels aufzuhängen …)

Nach dem Film hatten meine Begleiter/-innen und ich zumindest eine minutenlange Diskussion (selbst wenn sie einen Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling lang gedauert hätte, wir wären aus diesem Werk einfach nicht schlau geworden), über den tieferen Sinn dieses so sehenswerten wie obskuren Films, seine grandiosen Landschafts- und Naturaufnahmen und seine allegorischen Charaktere – ein(e) jede(r) hatte eine andere Theorie auf Lager.

Und doch erscheint es mir im Nachhinein betrachtet nicht wirklich wichtig herauszufinden, welche tiefere message hinter FRÜHLING … steckt, war dieser mysteriöse Bastard aus menschlichem Drama, Naturdokumentation, Krimi und Erotikfilm dafür doch allein schon aufgrund seiner bildlichen Wucht einfach nur sehenswert. Und dies obwohl die in ihm auftauchenden Charaktere eher Figuren darstellen, allegorische noch dazu – es „menschelt“ nicht unbedingt in diesem Film (wie etwa bei SCHULTZE GETS THE BLUES oder GEGEN DIE WAND), vielmehr scheinen die Personen in FRÜHLING … in ihrem zum einen höchst unterschiedlichen, zum anderen höchst sinnbildlichen Auftreten jeweils immer für (oder gegen) etwas zu stehen – und zwar, wie ich zumindest glaube, für eine gewisse Dichotomie: Das alte (buddhistische) und das „moderne“ (Süd-)Korea.

Der Konflikt zwischen diesen beiden konträren Polen wird von Regisseur Ki-Duk Kim (welcher am Ende auch als Hauptdarsteller in Erscheinung tritt) so radikal wie gnadenlos ausgefochten – mit ungewissem Ergebnis, denn das Ende lässt gar noch mehr Fragen offen als der eigentliche Handlungsverlauf, der sich sowohl dem Wechsel der Jahreszeiten als auch dem unerbittlichen Lauf der Zeit völlig unterwirft.

Egal, echt. Ich war mehr als angenehm überrascht, zumal sich die eindringlichen Bilder von FRÜHLING … sich wohl für einige Tage nicht mehr von meiner Netzhaut lösen werden, hatte ich doch im Vorfeld vielmehr ein elegisches, spirituelles und zutiefst esoterisches (und somit reichlich nichtssagendes) Asien-spiritual erwartet

Doch was ich dann zu sehen bekam, spottet nun wirklich jeder Beschreibung. Denn FRÜHLING … ist bei all seiner ästhetischen Harmonie aus menschlicher Perspektive gesehen zunächst einmal zutiefst verstörend. Erst wenn man diese Verstörtheit bei Seite lässt, kann man eventuell von einer buddhistischen Elegie sprechen, doch das wäre Regisseur Ki-duk Kim (der mit Sicherheit irgendeinen Dachschaden hat, ich kann echt bloß nicht sagen, welchen genau) höchstwahrscheinlich eh nicht recht, denn was hier an unterschwelligen Querverweisen zur menschlichen Natur an sich und zu ihren mannigfachen Fehlern, Begierden und Schwächen sichtbar wird, dass sprengt zum einen nun einmal den Rahmen eines – wie auch immer gearteten – esoterisch-spirituellen Filmchens. (Und macht zum anderen so beiläufig wie eindringlich deutlich, dass Hollywood für das Potential, dass in diesem Film steckt, mehr als 100 Filme verbraten müsste, um seiner (Un-)Tiefe auch nur annähernd das Wasser reichen zu können …)

Bisweilen entwickelt FRÜHLING … (nebenbei erwähnt) gar erstaunlich viel Humor (die so unbeholfenen wie fleischlich äußerst gezielten Annäherungsversuche des jungen Mönches gegenüber dem so stillen wie verführerischen Mädchen haben zeitweise gar slapstick-Charakter) … nur um diese komödiantischen Ausbrüche alsbald wieder zu konterkarieren: Als Zuschauer schämt man sich am Ende des Films gar seines zwischenzeitlichen Gelächters, hatte man doch bis etwa zur Mitte des mit 103 Minuten vielleicht etwas zu lang geratenen Streifens das Gefühl, dass am Ende alles gut werden würde, obwohl Ki-duk Kim von Beginn an ein böses Omen an das andere reiht – nur sind die (Natur-)Bilder eben einfach zu schön, als dass man sich davon (zumindest während der ersten Hälfte von FRÜHLING …) wirklich irritieren ließe.

Doch Ki-duk Kims Sicht auf die menschliche Natur ist zugleich von solcher Präzision und Kälte geprägt, dass man spätestens am sowohl offenen wie bitteren Ende erkennen muss, dass eben diese Kälte diese Präzision bewirkt hat … und nicht etwa umgekehrt. Zutiefst verstörend und vor allem bildgewaltig entwickelt sich FRÜHLING … nach einem etwas belanglosen (und rein deskriptiven) Beginn zu einem tour de force-Ritt durch die Schattenseiten der menschlichen Psyche, der alsbald Universalcharakter gewinnt und sich keinesfalls nur als Allegorie auf den modernen Menschen des „Tigerstaates“ Südkorea lesen lässt.

(Dennoch:) Ziemlich unverständlich. Und (dennoch:) absolut sehenswert. Reingehen machen! (Münsteraner:) „Cinema“ retten!


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