SCHULTZE GETS THE BLUES

*** SCHULTZE GETS THE BLUES * Deutschland 2003 * Kamera: Axel Schneppat * Drehbuch und Regie: Michael Schorr * Darsteller/-innen: Horst Krause, Harald Warmbrunn, Karl Fred Müller, Ursula Schucht, Hannelore Schubert, Rosemarie Deibel, Wilhelmine Horschig, Alozia St. Julien, Anne V. Angelle, Danielle Krause, u. v. a.* 114 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Schultze Gets the Blues
(Bildrechte: Filmkombinat Nordost)

Synopsis: Schultze (hätte er die Möglichkeit, einen Oscar zu bekommen, er hätte ihn sicher: Horst Krause), ein dicker, lungenkranker Mann, scheinbar ohne Vornamen und Eigenschaften, wird zusammen mit seinen besten Kumpels Jürgen (Harald Warmbrunn) und Manfred (Karl Fred Müller) aus einem Sachsen-Anhaltinischen Kalibergwerk in den Vorruhestand geschickt.

Hätte er nicht eben diese Kumpels, die sein Schicksal mit ihm teilen, das gemeinsame Angeln, Schachspielen und (natürlich) gepflegte Saufen, Schultze bliebe nur noch sein Akkordeon, auf dem er seinem in der Region wegen seiner Musik berühmten (und längst verstorbenen) Vater und Musikverein zuliebe, die Polka spielt. Immer und immer wieder … bis, ja bis er zufällig nachts im Radio Cajun-Musik aus dem amerikanischen Süden, dem Mississippi-Delta, hört. Schultze ist elektrisiert von diesem ihm bislang völlig unbekannten Rhythmus, er schnappt sich sein „Schifferklavier“ und hört nicht mehr auf, diese Melodie nachzuspielen.

Selbst beim 50jährigen Jubiläum seines Musikvereins traut er sich, ausgerechnet diese „Negermusik“ zu intonieren – seine Kollegen entscheiden daraufhin, dass der dem Englischen völlig unkundige und aus seinem Heimatdorf noch nie herausgekommene Schultze die Idealbesetzung für die von ihrer amerikanischen Partnerstadt New Braunsfeld, Texas, ausgelobte Einladung zu einem dort stattfindenden Volksmusikfestival ist.

Schultze fliegt über den Ozean, findet in den USA angekommen aber wenig Gefallen an den texanischen Jodlern, die deutscher als deutsch zu sein versuchen. Aber Louisiana, das Ziel seiner (musikalischen) Träume, ist ja schließlich nicht weit …

Für Schultze beginnt das Abenteuer seines Lebens …

Kritik: Who the fuck is Michael Schorr (Drehbuch und Regie)? Who the fuck is Axel Schneppat (Kamera)? – Egal. Die Namen merke ich mir ab heute. Denn soviel Realität habe ich noch nie im deutschen Kino gesehen – auf der Ebene der Bilder funktioniert SCHULTZE auf den ersten Blick wie ein Dokumentarfilm. Nichts ist geschönt, nichts inszeniert, alles ist an Originalschauplätzen gedreht.

Auf den zweiten Blick aber wird eine weitere Ebene der Kinobilder sichtbar, die sich unter dem scheinbar deskriptiv abbildenden Objektiv verbirgt. Und diese Ebene kann man getrost als ganz ganz großes Kino bezeichnen: Jede Einstellung, jede Sequenz kann man in Stein meisseln. Ich habe wirklich selten eine derart gute Kameraarbeit im Lichtspielhaus meiner Wahl betrachten können, in jedem einzelnen Frame gibt es etwas zu entdecken, zumeist irgendwo im Hintergrund; kleine, scheinbar unbedeutende Dinge rücken plötzlich in den Mittelpunkt und gewinnen eine ganz eigene Dynamik. Wie der rührend höfliche Schultze es ständig im Film tut: Hätte ich einen Hut, ich würde ihn in der ersten Sekunde des Films vor Hochachtung ziehen und ihn 114 Minuten lang nicht mehr aufsetzen. Fantastisch, einfach nur fantastisch!

Das gleiche gilt für Michael Schorr, dessen Debüt SCHULTZE darstellt. Vergesst alle Hans-Christian Schmidts und Tom Tykwers dieser Welt, Michael Schorr is the new name in town. (Auch wenn man eventuell kritisieren kann, dass er Schultze auf seinem langen Weg zu sich selbst fast keinerlei Steine in den Weg legt („SCHULTZE is’ ’ne Schnulze!“). Aber wer das tut, kann meinetwegen eh über seinen Fassbinder-DVDs elendig verrecken!)

Klar, Schorr klaut. Und dies sogar unverhohlen, und zwar bei Kaurismäki und Jarmusch und dem britischen Arbeiterfilm (Ken Loach & Co.). Aber das macht überhaupt nichts. Denn Schorr kann hervorragend übersetzen: Er transkribiert Kaurismäkis Tristesse, Jarmuschs lakonischen Humor und das soziale Engagement eines Ken Loach mühelos in seinen zutiefst (ost-)deutschen SCHULTZE, dass es ein Kinowunder ist.

Hinzu kommt Horst Krause (bekannt aus WIR KÖNNEN AUCH ANDERS), dessen breite Schultern nicht nur den gesamten Film tragen, sondern der vor allen Dingen etwas darstellt, was weder ihm, noch seiner Figur Schultze auch nur irgendjemand ernsthaft zugetraut hätte: Er ist ein Held, mit dem Zeug, ein (deutscher) Kinomythos zu werden, ja sogar eine Kultfigur steckt in ihm: Horst Krause als Schultze mit all seiner tollpatschigen Fettleibigkeit – dieses unförmige Riesenbaby strahlt mehr Menschlichkeit und Würde aus als Ben Kingsley als und in GANDHI.

SCHULTZE ist zudem das exakte Gegenstück zu Fatih Akins ebenfalls brilliantem GEGEN DIE WAND: Behutsam, sachte, ruhig und (sehr) wortkarg Schultzes gemächlichen Schritten beinahe zärtlich folgend, schreitet dieses höchst ungewöhnliche Abenteuer vorwärts und vergisst dabei niemals seine Nebenfiguren. Im Gegenteil: Hinter jedem Gesicht, welches in diesem wunderbaren Streifen auftaucht, steckt eine (Lebens-)Geschichte. Und nicht nur dies machen Schorr und seine Mitstreiter deutlich: In den Machern dieses Films steckt nämlich so viel Potential, dass man merkt, dass sie ohne Probleme in Sekundenbruchteilen den Fokus von Schultze nehmen und ihn stattdessen auf eine der höchst zahlreichen Nebenfiguren richten könnten, um seine oder ihre Geschichte anstelle von der Schultzes weiter zu spinnen: Die des Dramatikers im Schrankenwärter, die des Opernsängers im Hausarzt, die der Flamenco-Tänzerin in der Wirtshausbedienung …

Denn letztendlich ist SCHULTZE GETS THE BLUES einfach auch ein Plädoyer. Für mehr Schultzes auf dieser Welt und an das Schultzige in uns allen: Let(’s) go!

Mir gehen die Superlative aus. Dieser Film ist ein Wunder. Auf gar keinen Fall verpassen!


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