AMERICAN NIGHTMARE – DER AMERIKANISCHE ALPTRAUM

*** AMERICAN NIGHTMARE – DER AMERIKANISCHE ALPTRAUM / THE AMERICAN NIGHTMARE / THE AMERICAN NIGHTMARE: A CELEBRATION OF FILMS FROM HOLLYWOOD’S GOLDEN AGE OF FRIGHT * Großbritannien / USA 2000 * Musik: Karlheinz Stockhausen, Godspeed You Black Emperor! * Drehbuch und Regie: Adam Simon * Darsteller/-innen: George A. Romero, Wes Craven, John Carpenter, David Cronenberg, Tobe Hooper, John Landis, Tom Savini, u. a. * Mit Ausschnitten aus den Filmen: THE BROOD (1979), THE CRAZIES (1973), DAWN OF THE DEAD (1978), THE FUN HOUSE (1981), HALLOWEEN (1978), THE LAST HOUSE ON THE LEFT (1972), MANIAC (1980), NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968), RABID (1977), SCANNERS (1981), SHIVERS (1975), THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), VIDEODROME (1983), u. a. * [OmU] * 73 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

American Nightmare - Der amerikanische Alptraum
(Bildrechte: Epix Media)

Synopsis: THE AMERICAN NIGHTMARE ist ein (leider) ziemlich kurzer Dokumentarfilm über die Blütezeit des „harten“ Horrorfilms in den USA – so zirka vom Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Film ist wenig stringent erzählt, sondern vielmehr eine freie Assoziations-Schnipseljagd durch reale amerikanische Traumata wie den Vietnam-Krieg, die Rassenunruhen, die Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King und ihre (angebliche?) filmische Horror-Äquivalenz, hier vertreten in Form von interviews mit den wichtigsten Regisseuren dieser Ära, sowie Filmausschnitten aus den verstörendsten Zelluloidmassakern dieses Jahrzehnts.

Kritik: Im Grunde genommen misslingt Regisseur Adam Simon seine dem Publikum nahe gelegte Beweiskette, dass der blutige amerikanische Horrorfilm der 70er Jahre, welcher mit George A. Romeros wirklich enorm gruseligen / schockierenden / sehenswerten Schwarzweiß-Zombie-flick NIGHT OF THE LIVING DEAD im Jahre 1968 seinen Anfang nahm und in etwa mit den explodierenden Schädeln aus SCANNERS (1981) endete, bevor dann endgültig das teenager-slasher-Kino in den 80ern mit Freddy, Jason und Michael Myers die Oberknochenhand erlangte, denn … (puh, langer Satz …)

… THE AMERICAN NIGHTMARE überlässt es nämlich eher dem Zuschauer, ob er denn nun die Assoziationsenden, die da frei und zerfetzt auf der Leinwand herumwirbeln, zusammenknüpft und sich selbst ein Bild nach dem Muster „Ah ja, NIGHT OF THE LIVING DEAD war in jedem Fall eine Anklage gegen die Lynchmorde an der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA und SHIVERS hat natürlich mit der sexuellen Revolution der 70er zu tun“ macht. (Zumal vor allen Dingen die äußerst allegorisch geratenen statements der drei im Film zu Wort kommenden Hochschulprofessoren zum Zusammenhang zwischen realem und fiktivem Horror bisweilen ziemlich aus der Luft gegriffen sind, wenn sie nicht gar in die Nähe der unfreiwilligen Komik geraten …)

So ein Bild mache ich mir aber ganz gerne, da ich den Horrorfilm an sich von uns Cinéasten für allzu hochnäsig übergangen halte, Nicht-Horrorfilmgucker werden damit aber so ihre Schwierigkeiten haben, zumal doch bei manchen Filmen einiges an Vorwissen (vor allem was die Handlung angeht) vonnöten ist, um zumindest ansatzweise zu verstehen, wovon hier die Rede ist.

In dieser Hinsicht zeigt sich mitunter schon, dass Adam Simon wohl in erster Linie an fans des genres gedacht hat und nicht etwa daran, eventuelle Neugierige ein wenig näher an die Materie heran zu führen. Was schade ist, aber verzeihlich.

Denn THE AMERICAN NIGHTMARE verschachtelt bisweilen (vor allem am Anfang) so gekonnt Real- und Zelluloid-Szenen, dass man nur schwer beurteilen kann, was jetzt inszeniert und was Wochenschau ist. Dazu kommen wunderbare interviews mit den Regisseuren – vor allem John Landis, der Regisseur von AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON (aber auch von BLUES BROTHERS und EIN FISCH NAMENS WANDA), der sich eher als fan des genres denn als Urheber outet, hat sichtlichen Spaß daran, seine (Kino-)Erfahrungen mit dem Horrorfilm hinsichtlich der These des Regisseurs abzuklopfen.

Perfekt untermalt wird der blutig-informative Bilderreigen von einem ganz erstaunlichen soundtrack: Karlheinz Stockhausen (!!!) ist zu hören, nebst einer meiner absoluten Lieblingsbands: Godspeed You Black Emperor!, eine Art Punk-Symphonieorchester aus Montreal, Kanada, dessen düster-dramatische Musik vor allen Dingen den fiktiven Filmausschnitten eine ganz eigene Schönheit einhaucht: Wenn Leatherface, das menschliche Monster aus dem TEXAS CHAINSAW MASSACRE, am Ende seine Kettensäge vor der untergehenden Sonne schwenkt und dazu Godspeed … ertönt … hat was. Echt.

Fazit: Wer Romero, Craven, Cronenberg & Co. für kranke Irre hält, wird von diesem Film wohl nicht bekehrt werden. Allen anderen, die eh schon der These aufgesessen sind, dass der Horrorfilm durchaus gesellschaftliches Relevanz-und Resonanzbecken sein kann, werden hier auf angenehm leichte und unangestrengte Weise informiert und unterhalten.

Allzu ernst nehmen sollte man das Ganze aber dann bitte doch nicht. Denn ob Wes Cravens nun wirklich absolut sadistisches Erstlingswerk THE LAST HOUSE ON THE LEFT tatsächlich bereits
damals als Horror-remake von Ingmar (!) Bergmans (!!) DIE JUNGFRAUENQUELLE (!!!) gedacht war (oder ob das dem Herrn Craven, der sich ja auch für solchen Mist wie die SCREAM-Trilogie verantwortlich zeichnet, erst passend zu den THE AMERICAN NIGHTMARE-interviews eingefallen ist) lasse ich jetzt mal bewusst dahin gestellt.


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