DAWN OF THE DEAD

Dawn of the dead         (USA, 2004)

Regie: Zack Snyder. Buch: James Gunn, nach d. Skript von George A Romero
Mit: Sarah Polley (Ana), Ving Rhames (Kenneth), Jake Weber (Michael), Mekhi Phifer (Andre) u.a.
100 Minuten         (4 von 10 Punkten)

Ana ist Krankenschwester, jung, blond, hübsch, eine tüchtige natürlich, was aber vom hochnäsigen Stationsarzt nicht wahrgenommen wird. Dass ein wegen einer einfachen Bissverletzung eingelieferte Patient zur Beobachtung in die Intensivstation geschickt wurde, ist zwar verwunderlich, aber das vergisst man am besten erst einmal nach einem entbehrungsreichen und mit Überstunden gespickten Dienst. Ana fährt heim in die uniforme Vorstadtsiedlung von Milwaukee, wo ihr treusorgender Ehemann faul auf dem Bett liegt und ihr die so nötigen Streicheleinheiten schenkt. Die Welt ist wieder in Ordnung. Für eine Nacht, bevor sich die ewige Tretmühle namens Alltag am nächsten Morgen wiederholt.
Traut ihr dieser Idylle, verehrte Leser?

Das kleine Töchterchen steht in der Frühe in der Schlafzimmertür, ihr Gesicht im Dunkeln, die Morgensonne beleuchtet nur halb das weiße Nachthemd, auf dem sich merkwürdige Flecken abzeichnen. Hat sie schlecht geschlafen? Was mag sie geweckt haben? Sorgenvoll und schlaftrunken erheben sich die Eltern, das Kind regt sich nicht, scheint verstört. Aber so schlimm kann es doch nicht sein, als dass ein tröstendes Wort nicht jeden Kummer aus der Welt schaffen kann. Denkt sich Vati und bequemt sich zu ihr, damit Ana noch einen Moment liegen bleiben kann.

Dann bricht die Hölle los: Ein Schritt ins Licht, ein kurzer Blick auf das blutverschmierte Gesicht des Kindes lässt den Schrecken in unsere Glieder fahren, wir haben es alle geahnt, Samara aus RING (2002) lässt grüßen, wir frieren im Kinosessel fest, das Adrenalin schießt in unsere Adern, während Samara unerwartet in das Schlafzimmer schnellt und zielsicher ihres Vaters Halsschlagader frei beißt. Das Fleisch reißt, der rote Saft spritzt, die Hände können kaum die Wunde stillen und das Kind abwehren, Geschrei erfüllt den Raum, bestialisch-animalisch einerseits, aus Angst, Terror und Entsetzen von Ana andererseits. Ihr Mann ist kaum mehr eines Lautes fähig, der Lebenssaft fließt in steten Zügen aus ihm heraus, das Kissen, das Bett eine einzige rot-klebrige Fläche, während es Ana irgendwie gelingt, die eigene tollwütige Tochter aus dem Schlafzimmer zu schmettern. Oder das, was einmal die Tochter gewesen ist. Jene entstellte Gestalt, die zu einer mordlüsternen Kreatur verkommen ist und wie wahnsinnig gegen die Tür knallt, bereit, den wehrlosen Eltern den Rest zu geben.
Ana verliert den Kampf um ihren Mann, die Wunde ist zu tief, alle Notrufnummern sind besetzt, so sehr sie auch mit ihren blutverkrusteten Fingern die Tasten drückt. Während dessen zerrt die Bestie verbissen an der Klinke und haucht ihr Opfer in einem letzten gurgelnden Röcheln sein Leben aus…

Da sitzt sie nun auf der Bettkante, die junge Frau, ihr Kopf paralysiert vom Grauen der Ereignisse und dem unfassbar brutalen Verlust. Reduziert auf den Instinkt und dem Suchen nach Rettung vor der Gefahr, die die Tür bald aus den Fugen gerüttelt haben wird. Unablässig wackelt und dreht sich die Klinke, animalische Kräfte walten auf der Gegenseite, begleitet von zornigem Geheul. Und doch wissen wir es besser, wollen Ana zurufen: „Raus aus dem Zimmer, die wahre Bestie erwacht erst noch, hinter dir!!!“ Unser Ruf, kaum im Geiste formuliert, noch nicht ausgesprochen, bleibt im Halse stecken. Der tote Körper hinter Ana richtet sich wie von Geisterhand auf, die klaffende Wunde liegt frei, schwarz, verkrustet, die Augen sind kalt und leer, der Mund zu einer grauenvollen Fratze verzerrt. Das letale Spiel beginnt erneut. Ana verschanzt sich im Badezimmer, ihr Konterpart, seiner sicheren Beute bewusst, lässt sich Zeit und verstummt. Eine Verschnaufpause für Protagonisten und Publikum? Nicht im Geringsten, Anas Ungewissheit in ihrer Zuflucht zerrt mindestens ebenso an den Nerven wie es damals ungleich lautstärker Jack Nicholson in THE SHINING (1980) zu tun vermochte. Nur mit einem Sprung (Fall?) aus dem viel zu kleinen Fenster rettet sich Ana vor dem geifernden Maul und sie vermag – entgegen gängiger Stereotypie – ihr Fluchtauto tollkühn zu starten und dem wachsenden Inferno (vorerst) zu entkommen.

Tja. So weit, so spektakulär und auch wirklich gut. Acht Minuten Hochspannung und alle Erwartungen erfüllt, die ich gehabt hatte, als ich beschloss, mir zur Abwechslung mal wieder einen richtig blutigen Streifen reinzuziehen.

Damit hat DAWN OF THE DEAD aber schon seine Munition verschossen, so leid mir das zu sagen tut. Alles, was danach kommt (und das in immerhin noch über 90 Minuten), kann mit dem wirklich furiosen Auftakt nicht mithalten. Ab und an vermag der Film mit skurrilen Ideen zu gefallen (das Zielschießen vom Dach, die Fernschach-Duelle, die postmortale Geburt), aber das sind kurze Momentaufnahmen, die bald wieder vom üblichen Handlungsprinzip dieser Filme überlagert werden. Und das lautet kurz und schlicht: Haut sie alle weg, die Untoten.

Da mit der Zeit (wir sind im 21. Jahrhundert) auch die Zombies an Geschwindigkeit gewonnen haben und nicht mehr wie z.B. im Michael Jackson-Video unbeholfen durch die Gegend wanken, setzt der Film auf eine ausgefeiltere Bewaffnung der Helden und daraus folgend auf einen hohen Bodycount. Allerdings bedeutet Masse nicht gleich Klasse. Die armen strunzdummen Typen werden mit wachsender Filmlänge immer häufiger in einem Abwasch weggefegt, Fingerspitzengefühl ist nicht gefragt. Die Faszination am (Zusehen von) Töten nutzt sich aber schnell ab, weil die Zombies eine gesichts- und führerlose Masse sind, die sich ständig neu reproduziert und der im Prinzip ewig Gleiches erfährt.

Mag sein, dass Regisseur Snyder und seine Drehbuchautoren die Stupidität des Wegballerns erkannt haben, es gibt auch Abschnitte ohne Monster-Jagd. Allerdings sind die Konflikte innerhalb der Gruppe derer, die sich im Einkaufszentrum verschanzt haben, von eher bescheidener geistiger Tiefe und Dramatik und angesichts der äußeren Bedrohung mehr als unverständlich. Die Figuren, die nach und nach zusammentreffen, erfahren nicht genügend Augenmerk, um sie zu wirklichen Charakteren reifen zu lassen. Hier und da wird ein neuer Farbtupfer ins Spiel gebracht, um die Sache einigermaßen am Laufen zu halten, aber letztendlich läuft’s doch auf Rot, Blut, Gemetzel hinaus. Der Zuschauer, arg gepeinigt durch die gekünstelte Gruppendynamik, sehnt es beinahe herbei.
Ebenso sinnlos wäre es, auf Ungereimtheiten in Aufbau und Logik der Story einzugehen; ein kluger Kopf sagte mir, derartige Betrachtungen habe das Genre nicht verdient. Sei’s drum.

DAWN OF THE DEAD war letztendlich doch nur weniger zufriedenstellend, und das gilt sowohl für den Bereich Spannung als auch für die Schockeffekte. Ihn als übermäßig brutal und Blut triefend zu bezeichnen ist (leider) auch übertrieben: Nach der oben geschilderten Eingangsszene wird im Fortlauf nicht mehr so viel Wert auf den einzelnen Tötungsakt gelegt, die steigende Menge an Toten pro Sekunde lindert das personale Mit-Empfinden doch ganz gewaltig.

Vielleicht liegt es daran, dass heutzutage nicht mehr der Mut besteht, mehr als nur publikumsgerecht glattgelutschte Filme dieses Genres an den Start zu bringen. Genießer bzw. Kenner kommen so nicht auf ihre Kosten. Da kann ich nur empfehlen, auf Filme des subtileren Horrors wie z.B. RING oder noch besser THE OTHERS (2001) auszuweichen.


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