MONSTER

Monster         (USA, D, 2003)

Buch und Regie: Patty Jenkins.
Mit: Charlize Theron (Aileen „Lee“ Wuornos), Christina Ricci (Selby Wall), Bruce Dern (Thomas) u.a.
110 Minuten       (6 von 10 Punkten)

Monster
(Bildrechte: 3L Filmverleih)

„Don’t stop believin’“ tönt es im Abspann von MONSTER, nachdem wir in der letzten Einblendung erfuhren, dass Aileen „Lee“ Wuornos nach 12 Jahren Todeszelle 2002 mittels Todesspritze hingerichtet wurde. Das Ende eines Lebens, das schon im Alter von 8 Jahren vernichtet wird, als ein Freund der Familie das Mädchen wiederholt missbraucht. Der Vater schenkt ihr keinen Glauben, verprügelt sie. Mit 13 Jahren eine Abtreibung. Kein Schulabschluss. Der Absturz in die Prostitution, ein unstetes Leben auf der Straße, ohne Perspektive, die letzten 5 Dollar will sie noch versaufen und dann Selbstmord begehen. Doch das Schicksal will es anders, in der Bar lernt sie die kaum 20-jährige Selby kennen und die Ereignisse, die den Hauptteil des Filmes bilden, nehmen ihren Lauf.

Der Film basiert auf dem Leben eben jener Aileen Wuornos, die Ende der 80er Jahre in Florida 7 Männer tötete und anschließend dafür zum Tode verurteilt wurde. Ausgehend von der oben geschilderten Vorgeschichte mag man geneigt sein, ihrer Person mit einer Art Verständnis für ihre Taten zu begegnen. Zumal sie ihr erstes „Opfer“, wie sie beteuerte, aus Notwehr erschoss und sei dadurch ihre Überzeugung rechtfertigt, dass sie in der von Männern dominierten Welt nur Schlechtes zu erwarten hat.

Dem tragischen Hintergrund (z.T. im Prolog, z.T. erst im Laufe des Films offenbart) wird gleich in der ersten Szene das Abbild einer Frau gegenüber gestellt, die kaputter nicht sein kann. Die Kamera hält unverhohlen auf ihr aufgedunsenes Gesicht mit schlechten Zähnen, auf die ausgetragenen Klamotten, die dünnen Haare, alles ist vom Regen durchnässt. Chalize Theron (Oscar-prämiert) ist kaum wiederzuerkennen. Ihre Lee betritt die Schwulen- und Lesbenbar, ist sofort im Clinch mit dem Barkeeper, der sie lieber gleich als später raus befördern will, sie hält dagegen, offensiv, aggressiv, hat nichts zu verlieren, kurzum ist jemand, bei dem man gerne mal die Straßenseite wechselt, wenn man sie von weitem sieht.

Zwischen den Lehnen des Kinosessels eingepfercht ist ein Ausweichen aber nicht möglich, wir folgen Lee fortan Seite an Seite und erleben den tragischen Höhepunkt ihres verkorksten Lebens. Auf der einen Seite fungiert Lee auch als Ich-Erzählerin, gibt Einblicke in ihre Gedankenwelt, Handlungsgründe und verbalisierte Gefühlswelt. Das schafft eine gewisse Nähe zu ihr, und in Verbindung mit dem Wissen um ihren bisherigen Leidenweg entsteht manchmal gar Mitgefühl. Auf der anderen Seite schrecken ihr Äußeres und ihre kaum kontrollierte impulsive, ja rohe Art (Mimik, Gestik, Sprache) von vornherein ab. Darüber hinaus sind ihre mit zunehmender Berechnung verübten Morde nicht gerade Sympathie-Pluspunkte.
Unbehaglich ist noch ein harmloses Wort, wollte man beschreiben, wie man sich beim Betrachten des Films fühlt. Es fällt schwer, eine eindeutige Beziehung zu Lee aufzubauen, Parallelen zu Sean Penns Matthew Poncelet in DEAD MAN WALKING (1995) sind nicht abwegig. Da in MONSTER die Hinrichtung nicht gezeigt wird, bleibt dieses Gefühl auch über das Filmende hinaus bestehen.

Lees Absturz war schon vorprogrammiert, bevor sie die Bar betrat. Aber eine fataler Aufschub (oder besser: Verlängerung) wird ihm gewährt durch die Zufallsbekanntschaft Selby Wall (vom Drehbuch nicht ihren Möglichkeiten gerecht bedacht: Christina Ricci. Für Selby ist es Liebe auf den ersten Blick, für Lee die Erfahrung, dass es außerhalb der schlechten Männerwelt noch echte Zuneigung gibt. Die unerfahrene Selby lässt sich nur zu gerne aus ihrer bornierten Kleinstadtwelt entführen, beide verbringen fortan ein Leben in Motels und billigen Appartements, mit diffusen Träumen und der Suche nach ein bisschen Spaß. Für Lee wird Selby zu einem Menschen, zu dem sie (vermutlich) zum ersten Mal Vertrauen hat, zur Liebe gesellt sich ein unheilvoller Beschützerinstinkt. Ihr soll es nicht so ergehen wie ihr selbst. Sie will sie nicht verlieren. Verzweifelt versucht Lee, eine „normale“ Arbeit zu finden, ist aber schon so weit von der Realität entfernt, so dass sie sich auf „Traumstellen“ wie z.B. Rechtsanwältin bewirbt und dort natürlich nur Absagen und Demütigungen kassiert. Dem Zuschauer bleibt dabei das Lachen im Halse stecken. Den beiden Frauen geht das Geld aus, Lee muss zurück auf die Straße. Und wer dort nicht zurückschlägt, kommt dort um, das weiß sie inzwischen zur Genüge.

Durch die neue Beziehung erfährt Lees Leben zwar noch einige lichte Momente, aber Selby wird unbewusst zum Katalysator des Absturzes, der dann zusätzlich noch das Leben von 7 Männern kostet. Selby selbst wird als Kindfrau dargestellt, jung, unerfahren, beeinflussbar, unselbständig, keine „intellektuelle“ Stütze der Beziehung. Sie steuert außer der Liebe nichts zur Verbesserung ihrer beider Lage bei, sondern fordert – naiv wie sie ist – von Lee noch Schutz und Unterhalt ein. Die Umstände und die begrenzten (geistigen) Fähigkeiten von Lee verhindern, dass sie abseits der Prostitution eine Lösung der Problematik finden kann.

Lee mutiert zum titelgebenden „Monster“. Ihr erstes Opfer hat den Tod verdient, es war selbst Täter. Dann aber kehrt sich die Situation um. Lee fingiert vor den Morden Gründe, um ihre kommende Tat als gerecht zu titulieren. Das ist so fadenscheinig wie letztlich bedeutungslos.
Das Töten geschieht meist rasch und unmittelbar. Ist der erste Schuss gefallen, wird nicht mehr lange gefackelt, Geld und Auto genommen und „normal“ gelebt, bis die Kohle alle ist oder der Wagen zu heiß. Exzessive Gewaltdarstellungen sind es zwar nicht, worauf es der Film abgesehen hat. Allerdings fesselt es den Zuschauer durchaus an den Sessel, wenn ein Unbedarfter Lee auf den Beifahrersitz Platz nehmen lässt und nicht ahnt, wen er mit in Richtung Nebenstraße nimmt.

Die Fixierung auf die Protagonistin ist so stark, dass das Publikum ihre Welt aus kaum einer anderen Sichtweise präsentiert bekommt. Entsprechend schlecht kommen die Nebenfiguren weg: Selbys Vater bzw. ihre Pflegeeltern sind bigotte, bornierte Spießer. Die Angestellte einer christlichen Arbeitsvermittlung wendet sich angewidert ab, als Lee einen ihrer Wutausbrüche hat. Ein Polizist lässt sie nur wieder laufen, wenn sie sexuell gefügig ist. Ob diese Details in den Bereich der Fiktion gehören, bleibt offen; im Abspann wird eingeräumt, dass nicht alles den wahren Geschehnissen entspricht. Das Publikum muss indes alles unreflektiert schlucken, was es präsentiert bekommt, und das sind zum Teil sehr bittere Pillen.

Es ist ein dunkler, bedrückender Film, einer ohne Sonnenschein, obwohl die Handlung in Florida („The Sunshine State)“ spielt. Die Kamera fängt nur schmutzige, enge Locations (Bars, Motelzimmer, Autos als Sex-Orte) ein, ein Sinnbild für Gefangenschaft und Ausweglosigkeit. Es gibt kaum Verschnaufpausen, in denen sich das Publikum vom beherrschend-hässlichen Gesicht der Lee erholen kann. Selbst dann, wenn die Kamera Abstand von ihr nimmt, sehen wir sie angewidert an einer Ausfallstraße stehen und versuchend, einen Freier anzuhalten. Eine Frau, von einer umbarmherzigen Umwelt selbst erschaffen, ein „Monster“, das nicht aus purer Lust mordet, sondern nach eigener Logik keinen anderen Ausweg mehr sieht. Gutheißen darf man das natürlich trotzdem nicht.


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