BEFORE NIGHT FALLS

*** BEFORE NIGHT FALLS / ANTES QUE ANOCHEZCA * USA 2000 * Musik: Lou Reed und Laurie Anderson * Drehbuch: Cunningham O’Keefe, Lázaro Gómez Carilles, und Julian Schnabel, nach den gleichnamigen Erinnerungen von Reinaldo Arenas * Regie: Julian Schnabel * Darsteller: Javier Bardem, Olivier Martinez, Andrea Di Stefano, Johnny Depp, Michael Wincott, Sean Penn, u. v. a. * 133 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Arsenal Filmverleih)

Synopsis: Erzählt wird die Lebensgeschichte des kubanischen homosexuellen Schriftstellers Reinaldo Arenas (*1943 +1990), aufbauend auf seiner Autobiographie.

Reinaldo wächst ohne Vater in einer bäuerlichen Gegend des vorrevolutionären Kuba auf und schließt sich noch als Halbwüchsiger den Rebellen Castros an. Als glühender Verehrer der Revolution genießt er als junger Erwachsener die Freuden Havannas und entdeckt seine homosexuellen Neigungen. Sein schriftstellerisches Talent wird von der dort ansässigen Kulturelite gefördert und hochgelobt, er trifft wichtige Persönlichkeiten der kubanischen Kultur und feiert rauschende Parties. Doch Castros Regime hat weder für Zweifler am Kommunismus, noch für Homosexuelle auch nur irgend etwas übrig, und die Zeiten für Reinaldo werden härter. Lebensgefährlich hart.

Er wird eingekerkert und gedemüdigt, seine Bücher feiern nur noch im Ausland Erfolge, in Kuba selbst bekommt er Schreibverbot, Fluchtversuche in die USA scheitern. Da entlässt Castro Regimekritiker plötzlich mit einem Erlass in die vermeintliche Freiheit. Reinaldo zieht es nach New York, doch der Big Apple zeigt sich von seiner grausamsten Seite …

Kritik: BEFORE NIGHT FALLS ist kein schlechter Film, ich habe auch keine Probleme, ihm das Prädikat „sehenswert“ zu geben. Aber er ist leider auch nicht gut. Leider.

Denn die Lebensgeschichte des mir bis dato völlig unbekannten kubanischen Autors Reinaldo Arenas (einer der größten Schriftsteller Kubas, von dem es heißt, er habe mit 5000 Männern geschlafen) ist in jedem Fall verfilmenswert. Dumm nur, dass Julian Schnabel von Beruf Maler (okay: Künstler) ist und eben kein Regisseur (zur Zeit gibt es eine Ausstellung des New Yorkers in Frankfurt am Main). Und das spürt der geneigte Zuschauer eben fast in jeder Sekunde dieses Machwerks.

Zunächst einmal: BEFORE NIGHT FALLS ist viel zu lang geraten. Und: Der Film hat (nicht nur deswegen) unerträgliche Längen. Schnabel reiht (Lebens-)Episode an (Lebens-)Episode, chronologisch gehalten und bisweilen völlig uninspiriert. Wenn ihm das auffällt, webt er mal eben kurz eine Traumsequenz, ein von Arenas geschriebenes Gedicht oder eine Rückblende ein – doch das war es dann auch schon, die Geschichte findet schnell und allzu bereitwillig wieder in ihren alten zähen Trott zurück.

Nebenfiguren tauchen auf, Nebenfiguren verschwinden wieder, die wenigsten bleiben im Gedächtnis hängen; Schnabel will ein Kaleidoskop von Erinnerungen gerieren, eine Ode an die frei ausgelebte Homosexualität und die kubanische Lebensfreude erschaffen (und natürlich Arenas sein wohlverdientes filmisches Denkmal setzen), sowie Castro endlich mal so richtig und verdient in seinen gottverdammten Verräterarsch treten und erreicht (zumindest bei mir) doch zumeist nur gähnende Langeweile.

Wäre da nicht die in jeder Hinsicht hochkarätige (und leider beinahe ausschließlich männliche) Besetzung (und die teilweise geniale Musik von Lou Reed und seiner Lebensgefährtin Laurie Anderson), BEFORE NIGHT FALLS wäre eine fast völlig vernachlässigenswerte Literatur- und Autobiographie-Verfilmung geworden. Doch vor allem Javier Bardems (vielleicht bekannt aus dem kürzlich im Cinema gelaufenen Film MONTAGS IN DER SONNE) performance als Hauptdarsteller und Arenas-Mime lohnt allein schon den Film, denn die ist in jedem Fall sehenswert, wenn nicht gar überragend – die Oscar-Nominierung vor drei Jahren war mehr als verdient.

Auch die übrigen Darsteller, Olivier Martinez (DER HUSAR AUF DEM DACH, UNTREU und bald an der Seite von Ethan Hawke und Angelina Jolie in TAKING LIVES zu sehen), Andrea Di Stefano (DAS PHANTOM DER OPER) und Michael Wincott (DEAD MAN, STRANGE DAYS, ALIEN RESURRECTION) tun ihr bestes.

Bemerkenswert in dieser Hinsicht sind aber vor allem die performances der Hollywood-Größen Sean Penn und Johnny Depp, welcher in einer hinreißenden Doppelrolle (als transsexuelle Tunte und kommunistischer Militäroberst) glänzt und quasi im Vorbeigehen und mit lockerer Hand in wenigen Minuten beweist, warum er längst einer der besten (und bestaussehendsten) Schauspieler Amerikas, wenn nicht gar der Welt ist. Sean Penns Performance ist allerdings noch erstaunlicher, denn ich habe ihn während 133 Minuten Spielfilmlänge vergeblich gesucht, so perfekt verschwindet er hinter seiner Rolle.

Wer sich also auf die Suche nach Sean Penn machen möchte, wer homosexuell und männlich ist und sich aus welchen Gründen auch immer für die Geschichte Kubas interessiert, dem sei dieser Film wirklich wärmstens ans Herz gelegt. Auch Frauen jeglichen Alters werden angesichts der geballten männlichen Verführungskraft, die in diesem Film versammelt ist (auch wenn sie fast ausschließlich schwul daherkommt), sicherlich ihre helle Freude haben. Heterosexuelle männliche Weißbrote wie ich es bin und die nie verstanden haben, was an der Geschichte Kubas (nur eine bedauernswerte Diktatur unter vielen) so geil sein soll, können sich Julian Schnabels schier endloses Independent-Epos zumindest im Kino schenken. Mit dem Pinsel kann der zwar umgehen, auf dem Regiestuhl möge er aber doch bitte nur noch Platz nehmen, wenn es eben um Malerei geht (BASQUIAT war ja nicht sooo übel).

Sein vermeintliches Interesse für die nun wirklich schillernde und mehr als interessante Person Reinaldo Arenas aber erscheint mir persönlich eher geheuchelt. Und so kommt das Endprodukt dieser vorgebrachten Neugier auch daher: Uninspiriert, monoton, langweilig und schrecklich deskriptiv, wo doch die pure Lust am L(i)eben im Vordergrund von Arenas kurzem Dasein stand. Aber die Bilder (Schnabel hatte keine Dreherlaubnis auf Kuba) fangen eben diese Stimmung nur in den seltensten Fällen ein. Wären da nicht die Darsteller und die Musik … aber ich wiederhole mich.

Wenn schon unbedingt Kuba und männliche Homosexualität, dann doch bitte ERDBEER UND SCHOKOLADE aus dem Jahre 1993. Der ist nicht nur besser als BEFORE NIGHT FALLS, sondern auch direkt auf Kuba entstanden. Oder das Buch lesen. (Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird. dtv 2002)


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