IN AMERICA

*** IN AMERICA * Großbritannien / Irland 2002 * Musik: Andrea Corr, Giaccomo Puccini, The Lovin’ Spoonful, Kid Creole & the Coconuts, John Williams, Culture Club, Lisa Gerrard, The Byrds, u. a. * Drehbuch: Jim, Naomi, und Kirsten Sheridan * Regie: Jim Sheridan * Darsteller/-innen: Paddy Considine, Samantha Morton, Sarah Bolger, Emma Bolger, Djimon Hounsou, u. a. * 107 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Die vierköpfige irische Familie Sullivan, Vater Johnny (Paddy Considine), ein erfolgloser Schauspieler, Mutter Sarah (Oscar-nominiert für die beste Hauptdarstellerin: Samantha Morton), Lehrerin, und ihre 10 und 6 Jahre alten Töchter Christy und Ariel reisen Mitte der 80er Jahre über Kanada ins gelobte Land USA ein, ihr Ziel lautet selbstverständlich New York – zum einen wegen „If you can make it there, you’ll make it anywhere“, zum anderen weil ein fünftes Familienmitglied zurück in Irland geblieben ist und dort auch gefälligst bleiben soll – der tote kleine Bruder der Sullivan-Schwestern, Frankie, mit gerade einmal 5 Jahren an einem bösartigen Gehirntumor gestorben. Die Erinnerung an seinen Tod ist noch so frisch, dass sich die Eltern bereits an der Grenzkontrolle über die Anzahl ihrer Kinder zanken: „How many children do you have?“ – „Two.“ – „Three.“ – „Three. We lost one.“

In einer absoluten Bruchbude eines Wohnblocks im Schwarzenviertel Harlem, behaust von junkies und Transvestiten, schickt sich die fast völlig mittellose Familie daraufhin an, ihre eigene Version des amerikanischen Traums zu verwirklichen – und während die Eltern, traumatisiert vom Verlust des kleinen Frankie, sich mit schier übermenschlicher Willenskraft gegen ihr soziales Elend (und ihre dunkle Vergangenheit) stemmen, erleben ihre beiden kleinen Töchter Christy und vor allem die Jüngste Ariel ihr neues Leben im Schmelztiegel der Welt als ein einziges Abenteuer. Ihrem furchtlos-naiven Charme können sich nicht einmal die junkies und Penner entziehen, geschweige denn der todkranke Maler Mateo (Oscar-nominiert für die beste männliche Nebenrolle: Djimon Hounsou), und ihre Begeisterung für ihre neue Umgebung ist es dann auch, die ihre Eltern zum Durchhalten veranlasst, selbst als mit dem neuen Baby in Sarahs Bauch scheinbar unweigerlich tödliche Konsequenzen – entweder für den neuen Spross der Familie Sullivan oder für Mutter Sarah – drohen …

Kritik: Meine Güte, macht es im Augenblick Spaß ins Kino zu gehen! Ein highlight folgt dem anderen, und auch das im letzten Jahr in Münster gelaufene und leider ziemlich untergegangene, hochemotionale Familienmelodram IN AMERICA gehört auf jeden Fall dazu. Schade, dass ich ihn erst jetzt, in der letzten filmclub-Vorstellung, gucken konnte …

Jim Sheridan (MEIN LINKER FUSS, IM NAMEN DES VATERS), der mit seinen inzwischen erwachsenen Töchtern Naomi und Kirsten das Drehbuch zu diesem Film schrieb, hat mit IN AMERICA sein mit Abstand persönlichstes Werk vorgelegt, die Parallelen zu seinem eigenen Leben sind überdeutlich: Spätestens wenn am Ende der mitunter tieftraurigen Geschichte, die älteste Tochter Christy, aus deren – zum Glück rosaroten, sonst wäre der Film fast gar nicht zu ertragen, soviel menschliches Leid sprudelt hier hervor – Sicht die Story erzählt wird, ihren verstorbenen kleinen Bruder Frankie im Himmel anfleht, ihre Familie doch endlich loszulassen, und daraufhin der Abspann ans Rollen kommt, dessen erste Worte „In memory of Frankie Sheridan“ sind, sollte klar sein, wieviel Herzblut in diesem Drehbuch steckt.

Und zum Glück auch im Film, denn dieser ist bei all den menschlichen Schicksalen niemals bedrückend oder rührselig, was allerdings vor allem an den beiden Schwestern Sarah und Emma Bolger liegt, die dieses kleine Meisterwerk fast federleicht erscheinen lassen – angesichts ihres Alters eine fast schon überirdische Schauspielleistung. Ebenfalls grandios: Samantha Morton (zurecht Oscar-nominiert), in deren Gesicht in Sekundenbruchteilen Dinge zu lesen sind, für die all die Nicole Kidmans und Renée Zellwegers dieser Welt normalerweise 90 Minuten oder mehr brauchen.

Zudem wurde von einem europäischen Filmemacher wohl schon lange nicht mehr ein so positiver (wohlwollender, aber niemals verklärender) Film über die Vereinigten Staaten von Amerika abgeliefert, wie dieser hier: Die Anfangssequenz, in der die Familie Sullivan staunend und großäugig in ihrem klapprigen Combi über den New Yorker Times Square fährt, während die flimmernde Leuchtreklame amerikanische Flaggen und „Yes, you can!“s in die Nacht wirft – so etwas sieht man heutzutage wirklich selten. Natürlich braucht man als geneiger Zuschauer niemals Angst zu haben, die Vereinigten Staaten würden bei all dem ohne Kratzer am Lack davonkommen, schließlich heißt der Regisseur Jim Sheridan, dessen Herz ja schon immer eher auf dem linken Fleck saß: Das amerikanische Kinoplakat, auf dem die Familie Sullivan staunend vor der skyline Manhattans steht, während sich in der Brooklyn Bridge die amerikanische Flagge spiegelt, ist – angesichts der Armut und des Leids in dieser hochautobiographischen Geschichte – daher mehr als schönfärberisch …

Denn subtile Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem (die Krankenhausrechnung für Mutter Sarah beträgt am Ende 32.000 $), und an der zum Himmel schreienden Armut mancher New Yorker Viertel (in diesem Fall: Harlem) wird ebenfalls geäußert. Und grausam komisch (und dem amerikanischen Traum gewissermaßen ins Gesicht spuckend) ist auch die Jahrmarktszene, in welcher Vater Johnny, eine E.T.-Puppe im Wert von gerade mal 30 $ an einem Wurfstand zu gewinnen versucht und schließlich die gesamte Miete aus (kapitalistischer) Liebe zu seiner Tochter Ariel opfert, während er, von Schaulustigen umringt, sein gesamtes Familienleben den Bach runter gehen sieht …

Fazit: IN AMERICA ist ein beinahe schon klassisches Melodram, ein Märchen zudem, mit bisweilen magischem Realismus à la Emir Kusturica (TIME OF THE GYPSIES, UNDERGROUND, SCHWARZE KATZE, WEISSER KATER). Ein Film über die Geburt und den Tod und eine Ode an die Kindheit.

Vom sujet her erinnert Jim Sheridans bisher stärkstes Werk an das ebenfalls geniale DAS ZIMMER MEINES SOHNES des italienischen Regisseurs Nanni Moretti (LIEBES TAGEBUCH, APRILE), ist aber keineswegs so tieftraurig wie dieses. Denn für die rosarote Brille (beziehungsweise für den roten camcorder von Christy, mit der sie ihr altes und neues Leben aufzeichnet) aus der diese Geschichte mit Kinderaugen erzählt wird, ist man als geneigter Zuschauer zutiefst dankbar. Dennoch sollten Menschen, die nah am Wasser gebaut haben, sich nicht ohne eine Familienpackung Kleenex an IN AMERICA wagen (eine der Hauptpersonen wird auf der Strecke bleiben) …

Puh. Ganz großes Kino, welches leider (zumindest in Münster) nicht mehr ebendort gezeigt wird. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Aber egal: Die DVD ist im Anmarsch und die Fernsehvermarktung wird hoffentlich auch nicht allzulage auf sich warten lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen dazu entscheiden, diesem independent picture einen prime time-Platz zuzuschustern. Alles andere wäre ein Sakrileg.


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