21 GRAMM

21 Gramm         (21 Grams, USA 2003)

Regie: Alejandro Gonzáles Inárritu
Mit: Sean Penn (Paul Rivers), Benicio Del Toro (Jack Jordan), Naomi Watts (Christina Peck), Charlotte Gainsbourg (Mary Rivers), Melissa Leo (Marianne Jordan) u.a.
125 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Gegenwart, irgendwo im Süden der USA. Ein Autounfall mit Fahrerflucht nimmt Christina Peck Mann und beide Töchter. Sie willigt in eine Organspende ein, Mathematiklehrer Paul Rivers erhält das Herz ihres Mannes implantiert. Der flüchtige Fahrer Jack Jordan stellt sich den Behörden. Paul macht den Namen des Spenders ausfindig und verliebt sich einige Zeit später in die verzweifelte Christina. Sie überredet ihn, gemeinsam den inzwischen entlassenen Jack zu töten.

Kritik: 21 GRAMM ist gut, wirklich gut. Einer der Filme, die vom ersten Augenblick an gefangen nehmen. Hier ist man gleich mittendrin im Geschehen, unbarmherzig und zwangsläufig, weil sich Inárritu vom klassischen Handlungsaufbau entfernt und mosaikmäßig die Szenen präsentiert. In scheinbar willkürlicher Abfolge, ohne Rücksicht auf Zeit, Ort und Logik. Die Folge der Verschachtelung ist, dass das Publikum permanent gefordert ist, und wer nicht den Überblick oder die Lust verliert, wird doppelt belohnt. Einerseits rätselt man, wie es zu dieser Szene gekommen ist, andererseits vermag das Kennen einer zuvor gezeigten Parallelhandlung das kommende Ereignis zu erahnen. Ganz deutlich wird das unmittelbar vor der Unfallszene; Suspense-Altmeister Hitchcock hätte seine Freude daran.

Die formal ungewöhnliche Präsentation wird unterstützt vom sparsamen, aber prägnant eingesetzten Musikscore von Gustavo Santaolalla. Er unterstreicht dominant die gezeigten und reziprok vom Publikum geforderten Gefühle. Das wirkt in schlechteren Filmen wie aufgesetzt, hier entspricht es aber der kraftvollen Dynamik des Films, der sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält. Die Bilder sind meist düster, kalt, distanziert, die Hauptpersonen bewegen sich in einer brutalen Welt, deren Funktion sich bald auf den Hort des Überlebens beschränkt.

Um diese Atmosphäre rüberzubringen, bedarf es passender Darsteller, die hier, um es kurz zu machen, allesamt beeindruckende Leistungen abliefern:
Del Torro (zu Recht Oscar-nominiert) agiert mit überwältigender emotionaler Präsenz, sowohl als fanatischer Bekehrter wie auch später als gebrochener Täter (Fahrerflucht). In seinem geschundenen Gesicht spiegelt sich nicht nur seine innere Odyssee nach dem Unfall, sondern auch sein kriminelles Vorleben.
Penn hält sich zurück, ist nicht in der Rolle des Hitzkopfes, die er gemeinhin spielt. Das ist hier nur konsequent für einen Herzkranken, der kaum Aussichten hat, den nächsten Monat zu überleben.
Naomi Watts braucht sich neben den Oscar-Preisträgern Penn und Del Torro nicht zu verstecken. Sie ist schön wie immer, auch noch im Schmerz über die verlorene Familie und den Gedanken an Rache, und der Zuschauer dankt ihr die wenigen Augenblicke der Erleichterung und Freude, die ihr und durch sie (im Zuge ihrer Begegnungen mit Paul) im Film gegeben sind.

Im Gegensatz zur formalen und schauspielerischen Brillanz kann man dem Film allenthalben den Vorwurf machen, einige vehement gestellte Fragen unbeantwortet zu lassen: Die Einflussnahme Gottes/Jesus in das Leben der Menschen. Der Wert von Sühne, wenn durch sie weiter Menschen ins Elend gestürzt werden. Auch die Bedeutung der Titel gebenden 21 Gramm verbleiben im Raum, werden quasi von den Ereignissen überrollt. Es gibt keinen Blick zurück, man muss am Leben bleiben oder eben das Leben so erleiden, wie es einem vorbestimmt ist. Wollte man sich eingehender mit den Fragen beschäftigen, so lieferte der Film nicht die Antworten.

Aber zum Glück braucht man das nicht. Für den Kopf ist – wie gesagt – durch die verschachtelte Handlungsstruktur gesorgt, mit dem Herz sind wir bei den Protagonisten, die nach der Zäsur Autounfall um ihr und mit ihrem neuen Leben kämpfen. Das reicht hier schon, um 21 GRAMM über den Durchschnitt des Mainstream-Kinos zu heben.


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