WOLFSBURG

Wolfsburg         (Deutschland, 2002)

Buch und Regie: Christian Petzold
Mit: Benno Fürmann (Phillip Wagner), Nina Hoss (Laura Reiser), Antje Westermann (Katja), Astrid Meyerfeldt, Stephan Kampwirth, M. Müseler u.a.
93 Minuten         (8 von 10 Punkten)

Wolfsburg
(Bildrechte: Peripher Filmverleih)

Synopsis: Phillip Wagner (Fürmann) fährt auf einer entlegenen Landstraße ein Kind an, begeht Fahrerflucht und versucht, mit der Schuld zu leben. Es gelingt nicht, sein Gewissen zieht ihn zu der verzweifelten Mutter Laura Reiser (Hoss), aber der Mut zur Offenbarung fehlt ihm weiterhin. Die aufkeimende Beziehung zwischen den beiden steht unter keinem guten Stern…

Kritik: Wolfsburg, das ist eine Stadt, bei der man an die Volkswagenwerke und bestenfalls noch an einen mittelmäßigen Bundesliga-Verein denkt. Nicht eben dazu angetan, um unentschiedene Zuschauer ins Kino zu locken. Und ebenso nüchtern und unprätentiös, wie der Name der Stadt klingt, präsentiert Regisseur und Autor Christian Petzold seinen Film, dessen Stärke in der individuellen, aber dadurch umso packenderen Darstellung zweier menschlicher Schicksale liegt.

Der Film lebt von seinen Protagonisten, und Nina Hoss und Benno Fürmann sind dieser Aufgabe von der ersten bis zur letzten Minute gewachsen. Beide kennt man wohl am ehesten aus dem Film NACKT von Doris Dörrie (2002), und Fürmann galt bislang eher als Kandidat für die Besetzung des dynamischen, eloquenten Draufgängers. In WOLFSBURG ist er das nur in den ersten Minuten bis zum Unfall, als eine Unachtsamkeit Phillips Leben vollends aus der Bahn wirft; ein Leben, das bereits durch eine kriselnde Beziehung zu seiner Freundin Katja und einem monoton gewordenen Job gekennzeichnet ist. Die modern-steril eingerichtete gemeinsame Wohnung ist Sinnbild jener Entfremdung, Katja wird zunehmend misstrauischer und intoleranter gegenüber Phillips verändertem Gebaren, das sich immer weiter entfernt von ihrer beider einstigen Liebe. Die Einfühlsamkeit ist vergangen, so dass ihm als Täter, der den Schritt der Offenbarung nicht wagt, keine Hilfe aus seinem angestammten Umfeld zuteil wird.

Fürmann spielt seine Rolle mit einer Opfermiene, die es schwer macht, ihn zu verurteilen. Er hat Schuld auf sich geladen, der Unfall und die Fahrerflucht gehen auf seine Kappe und vielleicht würde der Junge überlebt haben, hätte Phillip Hilfe gerufen. Aber sein Gewissen, das Ringen um Sühne bestimmen sein Handeln, wie apathisch wankt er durch sein früheres Leben. Als Zuschauer ist man geneigt, seinen inneren Kampf mit der offenen Verzweiflung zu verrechnen, die Laura durchleidet.

Nina Hoss, die schon unter Petzold in TOTER MANN (2001) eine traumatisierte junge Frau gespielt hat, übertrifft in WOLFSBURG ihre damalige Leistung noch. In ihrer Rolle als allein erziehende Mutter beweist sie Mut zur Hässlichkeit, zu unverhofften Tränen und physischen Zusammenbrüchen. Der Möglichkeit der Rache genommen sucht sie die Schuld bei sich selbst, sie ist eine Frau am Rande des Abgrundes, mit einem geschundenen Gesicht, das jede Phase des Leidensweges widerspiegelt.

Buch und Regie sind es zu verdanken, dass diese schauspielerischen Glanzleistungen nicht für ein banales Happyend geopfert werden. Mit ungeschönten Bildern und bar jeden Soundtracks fügt Petzold die Geschehnisse chronologisch aneinander, wechselt zwischen der Welt von Laura und Phillip hin und her, bis sich deren Geschicke vereinen. So sehr, wie Laura sein Denken bestimmt und er in der wachsenden Liebe zu ihr eine Chance der Erlösung erhofft, so unverrückbar ist doch die Gewissheit, dass eine Frau wie sie den Tod (die Tötung?) ihres einzigen Kindes nicht ungesühnt lassen wird. Es ist ergreifend zu verfolgen, wie Phillips „defensive Beharrlichkeit“ sich einen Weg in Lauras Herz bahnt, aber das Wissen um die Ausweglosigkeit weicht um keinen Zentimeter. Das kurze Glück am Strand, mit poetischer Intimität inszeniert und ausnahmsweise mit Musik unterlegt, ist alles, was dem Paar vergönnt ist. Denn Petzold ist mutig genug, den Film konsequent zu Ende zu führen.

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WOLFSBURG gleicht über weite Strecken dem im Jahre 2000 entstanden TV-Film JENSEITS von Max Färberböck mit Sylvester Groth und Ekaterina Medvedeva in den Hauptrollen.


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