LOST IN TRANSLATION

*** LOST IN TRANSLATION * Japan / USA 2003 * Musik: Kevin Shields, My Bloody Valentine, Air, The Jesus & Mary Chain, Bill Murray, Scarlett Johansson, Roxy Music, The Sex Pistols, Fumihiro Hayashi, Sebastien Tellier, Squarepusher, Death In Vegas, Phoenix, Happy End, Brian Reitzell & Roger J. Manning Jr., The Pretenders, Peaches, Nick Lowe, Anna Faris, Carly Simon, Atlanta Rhythm Section, Catherine Lambert, B. B. King, Maria Muldaur, Rick James, Dominic Sands, Mark Willms, Fryderyk Franciszek Chopin, Des-Row Union, The Chemical Brothers, The Mary Butterworth Group * Kamera: Lance Acord * Produktion: Francis Ford Coppola, Sofia Coppola, u. a. * Drehbuch und Regie: Sofia Coppola * Darsteller/-innen: Bill Murray, Scarlett Johansson, Giovanni Ribisi, Anna Faris, Fumihiro Hayashi, Catherine Lambert, Akiko Takeshita, Diamond Yukai, Takashi Fujii, u. a. * 102 Min. * (10 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Bob Harris (Bill Murray), ein alternder amerikanischer Filmstar, kommt nach Tokio, um dort für 2 Millionen Dollar Gage einen Werbespot für die Edel-Whiskey-Marke „Suntory“ („For relaxing times, make it Suntory time!“) zu drehen.

Er quartiert sich im riesigen Park Hyatt Hotel ein, in dem ebenfalls Charlotte (Scarlett Johansson) und ihr superhipper Fotografen-Ehemann John (Giovanni Ribisi) ihr temporäres Zuhause gefunden haben, weil John – ständig unterwegs – Fotos von irgendwelchen Popbands schießen muss.

Dummerweise geht er derart in seiner Arbeit auf, dass er gar nicht merkt, wie vollkommen verloren sich die gerade einmal 25jährige Charlotte in diesem riesigen Hotel, in dieser noch viel riesigeren, ihr völlig fremden Stadt, in der die Straßen keine Namen haben, fühlt.

Zwangsläufig laufen sich die einsamen, schlaflosen Amerikaner Bob und Charlotte in der Hotelbar über den Weg … und beginnen zögernde Annäherungsversuche. Und als John schließlich sogar seine Frau alleine im Hotel lässt, um nach Kyoto zu düsen, um noch mehr überflüssige Fotos von überflüssigen „Superstars“ zu knipsen, verbringt das ungleiche Paar aus unglücklich verheiratetem Filmstar und viel zu jung verheirateter Philosophiestudentin gemeinsam die von Neonlicht illuminierten Tokioter Nächte … bis Bobs Abreise naht …

Kritik: Eines vorweg: LOST IN TRANSLATION ist ein Meisterwerk. Nicht mehr, nicht weniger. Und wenn – Sofia Coppola, die das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, hatte bereits beim Schreiben des Skripts Bill Murray und Scarlett Johansson für die beiden Hauptrollen vorgesehen – nur einer der beiden abgesagt hätte, wäre dieses Meisterwerk nicht zu Stande gekommen.

Was ein nicht mehr wieder gut zu machender Verlust gewesen wäre. Denn LOST IN TRANSLATION ist ein so großer, so unglaublich großer Film, der seine Größe allerdings hinter einem scheinbaren Nichts an Plot versteckt – und somit fast schon zwangsläufig an die besten Werke von so illustren Regisseuren wie Jim Jarmusch, Richard Linklater, Eric Rohmer oder auch Rudolf Thome erinnert. Nur: LOST IN TRANSLATION lässt all diese Filme hinter sich, „die Tochter des Paten“ (Sofia Coppola) lässt all diese Männer (ur-)alt aussehen.

Ihr ist ein Film über die Einsamkeit und die Menschlichkeit gelungen, der mal eben im Vorbeischauen die gesamte (Themen-)Geschichte des Kinos zitiert (nicht umsonst läuft LA DOLCE VITA in einer seiner schlaflosen Nächte auf Bill Murrays Fernseher) und selbst – ganz locker und mühelos – Kinogeschichte schreibt. So einen Zauber der Bilder hat man seit CASABLANCA nicht mehr auf der Leinwand gesehen, und auch die wunderschöne Liebesgeschichte, die dieser Film – so beiläufig wie zärtlich – erzählt, kann es ebenfalls mit Rick und Elsa aufnehmen, was natürlich auch an den beiden Hauptdarstellern liegt, deren Präsenz man gar nicht genug in den Himmel loben kann, so dermaßen überwältigend spielen Bill Murray und Scarlett Johansson, obwohl das Drehbuch eigentlich so angelegt ist, dass beide nur auf Sparflamme kochen müssen: LOST IN TRANSLATION ist Anti-Theater in seiner höchsten, allerhöchsten, nicht mehr zu toppenden Vollendung.

LOST IN TRANSLATION ist zudem ein echter Kino-Film, ein Werk, welches scheinbar nur für die große Leinwand geschaffen scheint. Die Kinematographie, die das nachts so überirdisch illuminierte Tokio (quasi – um einen zeitgenössischen, wenn auch gewaltig hinkenden Vergleich einzubringen – ein „Lothlórien aus Neonlicht“) einfängt, sucht ihres gleichen – sie erschafft Bilder von so unsagbarer Schönheit, dass man sich jeden Frame des Films als Postertapete an die Wand hängen möchte.

Ferner erstaunlich an LOST IN TRANSLATION ist nun mal auch, dass dies ein zutiefst amerikanischer Film ist. Das Sujet erinnert zwar ein wenig an NELLY UND MONSIEUR ARNAUD, die bisweilen tiefe Stille in diesem Meisterwerk mutet eher europäisch an, doch das Aufeinandertreffen von zwei völlig gegensätzlichen und einander vollständig unverständlich gegenüber stehenden Kulturen wie der amerikanischen und der japanischen, hätte ein in Europa oder sonst wo außerhalb der USA beheimateter Filmemacher wohl nicht so rigoros in Szene gesetzt, wie es Sofia Coppola (gut, sie ist eigentlich ja Italienerin) hier mit ausschließlich mit Amerikanern besetzten Haupt- und (wichtigen) Nebenrollen tut.

Aus diesem culture clash ergibt sich dann natürlich auch die völlig irreführende Genre-Bezeichnung „Komödie“ für LOST IN TRANSLATION (Tobias Kniebe spricht in seiner, nicht minder euphorischen Kritik in der „Süddeutschen Zeitung“ lakonisch-richtig von einem „Hotelfilm“) – gut, der Film zieht daraus seine komischen Momente, die er zweifellos hat, aber es geht ja eben nur am Rande um dieses Thema, auch wenn das „Saturday Night Life“-Urgestein Bill Murray die Hauptrolle (seines Lebens) spielt, was wahrscheinlich auch die Besucher der letzten Münsteraner sneak preview mit falschen Erwartungen an den Film aufgeladen hat, was später zu dieser vernichtenden Durchschnittswertung geführt haben könnte.

Wenn ich mir übrigens im Nachhinein die Besucherkommentare dieser sneak zur Brust nehme, könnte ich Amok laufen vor lauter Wut über soviel Dummheit – auch die bisweilen harschen Kommentare in der Internet Movie Database (wo der Film vollkommen zurecht bereits seinen Weg in die Top 250 der besten Filme aller Zeiten – derzeitige Platzierung: Nummer 149 mit 8,2 von 10 möglichen Punkten bei über 8000 Votes – gefunden hat) lassen mich mit einem dumpfen Gefühl des echten, reinen und ehrlich empfundenen Hasses über soviel Prolligkeit zurück:

Wer diesen Film nicht versteht, hat keine Seele (oder hat sie an irgendwelchen Dreck verkauft).

Man muss LOST IN TRANSLATION nicht mögen, klar (vor allem ältere Frauen scheinen ein gehöriges Problem mit der im wirklichen Leben gerade mal 19jährigen Scarlett Johansson zu haben, weil sie ihnen zum einen nicht nur ihr vorgerücktes Alter verdeutlicht, sondern ihnen auch noch Bill Murray vor der Nase wegschnappt – überhaupt hätte die Figur der Charlotte ruhig älter sein können, der Film hätte auch mit einer Frau in Bill Murrays Alter funktioniert (zumal es hier nicht um eine „amour fou“ geht, dies ist kein „Letzter Tango in Tokio“) dennoch ist und bleibt Scarlett Johansson eine Offenbarung, vor allem aber eine Idealbesetzung hoch drei), doch man sollte schon in der Lage sein, ihn zu verstehen.

Natürlich ist soviel Unverständnis gegenüber Leutchen, die eine harte (Arbeits-)Woche hinter sich haben und sich im Kino bei einem Film mit der Bezeichnung „Komödie“ schenkelklopfend-gröhlend entspannen möchten, total ungerecht – dennoch bleibt LOST IN TRANSLATION auch deswegen ein Meisterwerk, das „bleiben wird“ (Tobias Kniebe), weil es ihm nie in den Sinn kommt, solche Leutchen bei der Hand zu nehmen, um sie mit dem Film mit Hilfe eines ausgefeilten Plots (nicht nur der alles überragende Schluss ist vollkommen improvisiert) und einer konventionellen Liebesgeschichte mitsamt happy end zu versöhnen.

LOST IN TRANSLATION bleibt da lieber verhuscht, zärtlich und versponnen – genau wie der grandiose Soundtrack mit somnambulen Tracks von u. a. Air, My Bloody Valentine und The Jesus & Mary Chain, nebst Bill Murrays herzergreifender, von zuviel Sake durchtränkter Karaoke-Version von Roxy Music’s zeitlosem Klassiker „More than this“.


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