PIECES OF APRIL

Pieces of April         (USA 2003)

Buch und Regie: Peter Hedges
Mit: Katie Holmes (April), Patricia Clarkson (Joy), Oliver Platt (Vater), Derek Luke (Bobby) u.a.
80 Minuten         (6 von 10 Punkten)

Ein hübscher kleiner Film, den Peter Hedges da abgeliefert hat. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob man ihn ohne Einschränkung als Komödie bezeichnen kann, aber das konnte man bei GILBERT GRAPE (1993), seinem bekanntesten Werk als Autor, ja auch nicht. Es macht gerade die Qualität von PIECES OF APRIL aus, dass keine derben Scherze auf Kosten einzelner Personen gemacht werden, sondern sich praktisch nur Situation und Begegnungen häufen, die jeder einzelne von uns auch schon erlebt haben könnte. Wahrscheinlich nicht in jener Konzentration wie hier, aber es gilt ja, das geneigte Publikum zu unterhalten und 80 Filmminuten wie im Fluge vergehen zu lassen.

Die Handlung: April (Katie Holmes) ist Anfang 20, lebt in New York und gilt als das schwarze Schaf der Familie. Aus nicht näher genannten Gründen hat sie ihre Angehörigen zum Thanksgiving-Fest eingeladen, stellt aber am fraglichen Tag fest, dass ihr Herd nicht funktioniert. In bester Lola-rennt-Manier klappert sie die benachbarten Mieter im Haus zur Rettung des Truthahns ab. Derweil ist ihre fünfköpfige Familie aus einer Kleinstadt schon auf dem Weg. Die mehrstündige Fahrt wird besonders durch die Launen und Leiden der krebskranken Mutter Joy (Patricia Clarkson) bestimmt.

Während ein Exkurs schildert, wie Aprils schwarzer Freund Bobby versucht, einen Anzug zu ergattern, sind es doch die beiden oben genannten Handlungsstränge, die den Film bestimmen. Es wird ständig hin- und hergesprungen: Mal sehen wir April, wie sie vergeblich im Treppenhaus gegen Türen hämmert, dann sind wir wieder im Mikrokosmos Auto ihrer Familie. Gedreht mit grobkörnigem Filmmaterial und teilweise mit Handkamera verleiht dies dem Film die nötige Glaubwürdigkeit fernab jeder Sitcom-Atmosphäre. Wir als Zuschauer befinden uns ständig an der Seite der Protagonisten, wie es sich gehört, wird ein gutes Tempo vorgelegt, Zeit zum Verschnaufen bleibt weder den Akteuren noch uns.

Zweifellos: April ist die Sympathieträgerin, ihr zuzusehen macht einfach Spaß. Das verzweifelte Suchen in ihrer Bude in der Lower East Side hat etwas comic-haftes. Sie in Stiefeln, Tank-Top, Zöpfen und schwarz lackierten Fingernägeln …, normalerweise traut man Leuten, die durch dieses Äußere eine alternative Lebenseinstellung ausdrücken, nicht eine derartige Beharrlichkeit für eine profane Sache wie „Truthahn muss 5 Stunden lang in die Röhre“ zu. Daher wird ihre Odyssee zu einem dankenswerten Hort interessanter, skurriler, ernüchternder und überraschender Begegnungen im Multi-Kulti-Mietshaus. Neben den Gestalten, die sich hinter den Türen 1A bis 5C verbergen, erfahren wir als Zuschauer nebenbei, was es mit der Geschichte des Thanksgiving auf sich hat, warum Fertiggerichte nicht schmecken und welche Vorteile ein selbstreinigender Panorama-Fenster-Herd hat.

Gegenüber Aprils Welt fällt die Road-Story um die anreisende Familie weniger amüsant aus. Erstens treten die fünf Insassen des PKW nicht in Interaktion mit anderen Parteien, sind also überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Und zweitens überschattet der tragische Zustand der Mutter alles Handeln und Denken. Die Leichtigkeit und Energie, die April in jeder Einstellung verkörpert, wird in der nächsten wieder zerstört, weil die labile Joy unberechenbar zwischen Sarkasmus, Indifferenz und krampfhafter Beherrschung schwankt. Keine Frage: Patricia Clarkson spielt ihre Rolle überzeugend (Oscar-nominiert als beste Nebenrolle) und das Ringen um Zusammenhalt der Restfamilie angesichts der Krankheit der Mutter hat schon tragische Ausmaße. Aber bei allem Verständnis für Joys Verhalten und Respekt vor dem Einbau einer solchen Rolle: Dem Film hätte eine weniger schmerzbeladene Figur besser getan.

Davon abgesehen: Die Stärken von PIECES OF APRIL liegen in einem gut aufgelegten Ensemble und der Vielzahl von Figuren, die gerade das Maß an Übertreibung erfahren, um sie nicht zu bierernst zu nehmen und die auf der anderen Seite auch nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden.


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