LOST IN TRANSLATION

Lost in translation         (USA, Japan, 2003)

Buch und Regie: Sofia Coppola.
Mit: Bill Murray (Bob Harris), Scarlett Johansson (Charlotte), Giovanni Ribisi (John), Anna Faris (Kelly) u.v.a.
102 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Tokio in der Gegenwart. Filmstar Bob Harris hat jenseits seiner 50 Jahre die Zeit als Actionstar hinter sich und hält sich nur widerwillig in der Hauptstadt auf, um für zwei Millionen Dollar ein paar Werbespots für japanischen Whisky zu machen. In der Hotelbar macht er die Bekanntschaft der knapp halb so alten Charlotte, deren frisch angetrauter Ehemann John als Fotograf von einem Set zum nächsten hetzt. Die beiden Gestrandeten verbünden sich für einige freien Momente und Expeditionen in die fremde Stadt.

Kritik: Es wurde ein Film so recht nach meinem Geschmack, in dem Romantik eine Chance gegeben wird. Das liegt besonders an den beiden Hauptdarstellern:

Bill Murray, den man wohl am besten aus UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER (Groundhog day, 1993) in Erinnerung hat, liefert 10 Jahre später eine überzeugende Vorstellung seines wirklichen Könnens ab. Der Sarkasmus scheint ihm auch in seiner jetzigen Rolle geblieben zu sein, (insbesondere die wegen Übersetzungsproblemen chaotischen Aufnahmen der Werbespots [daher der LOST IN TRANSLATION] übersteht er nur mit dessen Hilfe), aber „außer Dienst“ offenbart sein Bob Harris, was sich hinter der Maske verbirgt: Ein Mensch, der beruflich von seiner Vergangenheit zehrt, dessen Ehe erkaltet ist und den seine Abwesenheit ihn von seinen Kindern zu entfremden droht. Charlotte, die ihn auf das Thema Midlife-Crisis anspricht, gibt er lakonisch zu, ja, er denke über den Kauf eines Porsche nach. Mehr als nur eine spaßige Bemerkung.

Scarlett Johansson, der Name war mir zunächst unbekannt, bis ich mir ihres Parts in DER PFERDEFLÜSTERER (The horse whisperer, 1998) ins Gedächtnis rief und grübelte: Klappt das denn, dieses junge Ding an der Seite von Bill Murray?
Es gibt ein kleines „Aber“ (dazu s.u.), aber im Grunde …: Ja.

Charlotte steht noch am Anfang ihres Lebens und steckt doch schon in einer gewissen Krise. Nach dem Philosophiestudium (!) in Yale und zwei Jahren Ehe fragt sie, wie’s weitergehen soll. Zu Beginn des Filmes sitzt sie lange Zeit tatenlos am Hotelfenster hoch über der fremden Stadt. Der Zuschauer spürt geradezu ihre Einsamkeit, ihr Sehnen nach Zuwendung, Aufmerksamkeit, Liebe. Eine Flucht in den inneren Frieden (ein Besuch eines buddhistischen Tempels, das Hören von meditativen CDs) misslingt. Diese Stimmung glaubhaft rüberzubringen, sie unter die Haut des Publikums gehen zu lassen, das muss erst einmal geschafft werden. Fräulein Johansson meistert diese Herausforderung mit Bravour, ganz ohne Kullertränen und schmalziger Musik.

Als die beiden Hauptrollen definiert sind, beginnt die Interaktion. Charlotte und Bob finden sich mit traumwandlerischer Sicherheit, ganz wie sich zwei Gestrandete in einer fremden Welt instinktiv erkennen. Die Bereitschaft auszubrechen bedarf keiner großen Worte, die Seelenverwandten nutzen die wenige gemeinsame Zeit, um aus ihrer Enklave Hotel zu fliehen. Coppola schenkt beiden Figuren das gleiche Augenmerk, eine Berechnung würde gewiss ergeben, dass beide die gleiche Zeit im Bild waren, die gleiche Menge Text zu sprechen haben etc. So gehört sich das. Ein Verdienst des Drehbuches ist, dass es sich wesentlich auf die Atmosphäre und subtile Darstellerpräsenz verlässt. Es finden keine ausschweifenden Dialoge statt, in denen das eigene Leid geschildert oder Plattitüden und Patentrezepte serviert werden. Da kommen keine väterlichen Weisheiten von Bob, keine rebellische Besserwissereien von Charlotte.

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings [Achtung: Spoiler!]: Meiner Meinung nach ist Scarlett Johansson eine Spur zu jung für die Rolle. Sie gibt eine beeindruckende Leistung ab als einsame junge Frau, auch als Gefährtin von Bob in Tokios Subkultur ist sie gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen, weil sie ihn erst dorthin lockt. Aber es war (für mich) von der ersten Begegnung der beiden an klar, dass ihre Beziehung über Freundschaft und Sympathie nicht hinausgehen wird. Okay, man muss nicht aus jedem Altersunterschied eine Lolita-Geschichte machen, aber mit einer etwas erwachsener wirkender Schauspielerin hätte man die Handlung ein paar Volt erotischer gestalten können. Wie das z.B. zwischen Katie Holmes und Michael Douglas in WONDER BOYS (2000) geschehen ist.

Aber muss ja auch nicht sein, dass die Hauptfiguren gemeinsam in der Kiste landen. Charlotte mit ihrem Hauch von Babyspeck, Bob, der unter der Schale eigentlich ein netter Kerl ist, das hat andere Qualitäten. Wie ungleich berührender sind da das bloße „Kopf-an-die-Schulter-lehnen“, das „Auf-Händen-ins-Hotelzimmer-tragen“ und das behutsame Zudecken!?

Unverkennbar: Die dritte Hauptrolle neben Murray und Johansson spielt die Tokio selbst. Es ist schwer vorstellbar, dass LOST IN TRANSLATION in einem anderen Land als Japan funktioniert hätte. Die japanische Hauptstadt als urbanes Konglomerat von Tradition und Moderne, von asiatischer Lebensweise und westlichem Einfluss, von äußerer Hektik und innerer Stille war die beste Wahl. Ein bisschen drängt sich der Verdacht auf, dass manchmal dem Fremdenverkehrsamt in die Hand gespielt wird. Aber Tokio ist wirklich dermaßen chaotisch und verzeichnet daher dramaturgisch den Verdienst, mehr Einfluss auf die Hauptpersonen zu haben als alle Personen-Nebenrollen zusammen. Zunächst wirkt die Stadt fremd und bedrohlich, hält Bob und Charlotte gewissermaßen im Hotel gefangen. Die gemeinsamen Entdeckungstouren der beiden in das Nachtleben zeigen dann aber, dass man in der Vitalität nicht untergehen muss, wenn man mitzuschwimmen versteht. Und Charlotte erlebt im Laufe des Films dann tagsüber die innere Abgeschiedenheit des Buddhismus und die eindringliche Erhabenheit und Grazie einer schintoistischen Hochzeitsgesellschaft.

Den Film als Komödie zu bezeichnen hieße, ihn nicht verstanden zu haben. Er ist mehr eine platonische Liebesgeschichte und vielleicht noch eine Hommage an Tokio. Was nicht heißt, dass nicht gelacht werden darf. Große Teile seines Humors zieht LOST IN TRANSLATION aus dem zwangsläufigen Aufeinandertreffen von Bob und einer Welt, die ihm völlig fremd ist und die er nur des Geldes wegen betreten hat. So werden aus scheinbar harmlosen alltäglichen Aktionen und Handlungen (Anmeldung im Krankenhaus, Bestellung im Restaurant, Spazieren in einer Menschenmenge, in der alle ein Kopf kleiner sind …) die besten Gags. Leider schießt Coppola ab und an über das Ziel hinaus und verlässt ihre beobachtende Linie zugunsten von bewusst eingesetztem Slapstick (Stichworte: Heimtrainer, Prostituierte) und unsinnigen Konstellationen (bei einer 2 Million Dollar-Produktion ist kein rechter Dolmetscher am Ort?). Diese Unstimmigkeiten werden der ansonsten feinen Produktion nicht gerecht und möchte man am liebsten nachträglich rausschneiden.

Als für die beiden die Zeit in Tokio abgelaufen ist, endet auch die Geschichte von Bob und Charlotte. Ein kurzer Moment im Leben der beiden, ein Hauch von Glück, der vielleicht für sie nicht prägend und entscheidend ist, aber gewiss für sie als unlöschbare Erinnerung haften bleibt. Parallelen zu Richard Linklaters BEFORE SUNRISE (1995) tun sich auf.


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