28 DAYS LATER

28 days later     (GB 2002)

Regie: Danny Boyle.
Buch: Alex Garland. Kamera: Anthony Dod Mantle. Musik: John Murphy
Mit: Cillian Murphy (Jim), Naomi Harris (Selena), Megan Burns (Hannah), Brendan Gleeson (Frank), Christopher Eccleston (Major Henry West) u.v.a.
113 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Synopsis und Kritik: Die knapp zwei Stunden Gesamtlänge des Films gehen flott vorbei, das muss ich schon sagen. Da setzte ich mich erwartungsvoll in den Kinosessel und stimme mich auf ein Endzeitdrama ein und was ist: Vorhang auf und binnen 5 Minuten sind 4 Menschen tot, auf grausamste Weise angefallen von Geistern, die man im Rahmen der Forschung rief und die berühmte Sekunde nicht im Auge behielt. Falls das die Botschaft des Filmes ist, dann wurde sie mit einmaligem Paukenschlag beigebracht, in den folgenden 108 Minuten kümmern sich die Herren Danny Boyle (Regie) und Alex Garland (Drehbuch) dann um andere Dinge.

Nach dem furiosen Beginn und einem internen Zeitsprung von 28 Tagen hat sich die Welt verändert, wie Fahrradkurier Jim feststellen muss. Kein Mensch zu sehen, weder im Krankenhaus, in dem er nach vier Wochen Koma erwacht, noch irgendwo sonst auf den sonst so bevölkerten Straßen von London. Helles Tageslicht, die Kamera zeigt leeren Asphalt, auf dem sich nur er und die obligatorischen Zeitungsblätter im Wind bewegen. Keine Geräusche, es ist unwirklich still, keine Filmmusik versucht Jims Verwirrung zu unterstreichen. Beklemmend anzusehen. Allerdings: Sieht so eine Millionenstadt aus, deren Bewohner – ob nun in Panik oder irgendwie geordnet – ihre Domizile wegen einer schrecklichen Bedrohung verlassen haben? Alles so sauber, kaum verlassene Fahrzeuge (stark: der umgefallene Bus!), nichts geplündert, keine Leichen am Wegesrand…

Jim in einer einsamen Welt zu folgen, das wäre auf Dauer doch etwas eintönig, schließlich sind wir nicht auf einer Insel mit Tom Hanks. Über den Sinn des Lebens wird zwar ein bisschen philosophiert, aber Augenmerk liegt doch auf dem ad hoc-en Nachdenken über unmittelbare Schritte des Über-Lebens. Die blutrünstigen Infizierten kommen nämlich bald aus ihren Löchern gekrochen und wollen nur eines: Frischfleisch. Die Folgen der gut gemeinten Befreiungsaktion im Prolog. Zum Glück haben wir es nicht mit intelligenten Bestien zu tun, sondern nur mit den üblichen Selbstmord-Zombies, die nicht abwarten können, über ihre Opfer herzufallen und daher relativ leicht umzunieten sind.

Diese Schwäche realisieren Jim und seine zähen Kumpanen/innen leider nicht und lassen sich immer wieder plakativ (und nicht unspannend) auf den Nahkampf ein. Meinereiner hätte sich alsbald im nächsten Waffengeschäft oder einer verlassenen Polizeistation mit der passenden Wumme ausgerüstet und dann …, ihr wisst schon. Im Film wird hingegen mit Baseballschläger und Machete agiert, ein altes Taxi als Fluchtwagen benutzt, durch Tunnel statt über Brücken gefahren und und und. Stresssituation hin und mangelndes taktisches Geschick her, hier wurde doch ein bisschen gesunder Menschenverstand in Richtung Spannungsmache hingebogen.
Aber diese Abstriche bin ich ja inzwischen gewillt zu machen in diesem Genre, daher drang die Spannung auch zu mir durch. Überwiegend in Form von Schreck- und Schockeffekten, die immer wieder das Publikum wie Nackenschläge treffen. „Suspense“ à la Altmeister Hitchcock sucht man vergeblich.

Als die Dreiergruppe um Jim nach doch recht ereignisarmer und freier Fahrt das vermeintlich rettende Soldatenquartier im Waldschlösschen erreicht, kommt es ganz dicke. Der kommandierende Major West ist gleich bei der ersten Begegnung irgendwie nicht ganz koscher, die Laokoon-Statue im Foyer verheißt nichts Gutes, und bald entpuppen sich die Infizierten im Vergleich zu West’ Truppe als die harmloseren Zeitgenossen. In nur wenigen Wochen wandelten sich zivilisierte Menschen (Männer) zu Primitiven; HERR DER FLIEGEN lässt grüßen. Wie so etwas geschehen kann, bleibt offen. Auch, warum die Soldaten trotz Strom und Fernmeldeeinrichtungen keinen Kontakt zu den extern vorhandenen Suchtrupps aufbauen konnten (oder wollten?). Das Recht des Stärkeren als letztes Prinzip, wenn die Zivilisation zusammenbricht. Interner Widerstand wird kurzerhand standrechtlich erschossen. Ist dies das Ende unserer Helden?

Nein! Als die Zutaten serviert sind (klaustrophobische Enge des Schlosses, Regen, Nacht, fiese Soldaten, Zombies im Wald und zwischen den Wäscheleinen), schwingt sich der einst so naive Jim zum John McClane der Endzeit auf (fehlt nur noch das schmutzbefleckte Unterhemd), hastet phantomgleich über Dächer, durch Zimmer und Flure, setzt geschickt die Bösen (Infizierten) gegen die ganz Bösen (Soldaten) ein und rettet nebenbei die beiden Jungfrauen im roten Kleid. So berechenbar der Endkampf auch ist, so kompromisslos und rasant ist er in Szene gesetzt. Da bleibt keine Zeit zum Durchatmen, es ist eine Geisterbahnfahrt durch das Gebäude. Anthony Dod Mantle (Kamera) zieht alle Register, die Musik erreicht ein finales Crescendo, Mann um Mann wird erstochen oder zerbissen, der blutkotzende Sergeant brüllt löwengleich vor beleuchtetem Hausportal und unser Trio durchbricht im Taxi das Tor zur Freiheit.

Schade, dass sich Boyle im Anschluss noch zu einem „versöhnlichen“ (kitschigen) Ende mit Rettung in den Highlands hat hinreißen lassen. Eine ungewisse Zukunft hätte mir besser in den Kram gepasst. (Ließe dann auch Teil 2 zu…) Wo ich doch auch dafür plädiert hätte, dass Selena Jim im Durcheinander des Massakers den Kopf abschlägt. Motto: Rettung aus dem Teufelsschloss haben nur die Frauen verdient, die eh die vernünftigeren Menschen sind. Aber mich fragt ja keiner…


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