CITY OF GOD

City of God      (Cidade de Deus, Bras./D/F 2002)

Regie: Fernando Meirelles, Katia Lund
Drehbuch: Braulio Mantovani
Mit: Matheus Nachtergaele (Sandro Cenoura), Seu Jorge (Manu Galinha), Alexandre Rodrigues (Buscape), Leandro Firmino da Hora (Ze Pequeno), Phelipe Haagensen (Bene), Jonathan Haagensen (Cabeleira), Douglas Silva (Dadinho), Roberta Rodriguez Silvia (Berenice) u.a.
130 Minuten     (8 von 10 Punkten)

Schon die erste Sequenz setzt die Maßstäbe, denen sich der Film über die folgenden zwei Stunden verpflichtet fühlt. Ein Huhn, dessen Kameraden schon in die Kochtöpfe der Straßenparty gewandert sind, kann sich befreien, es herrscht ausgelassene Stimmung unter den Männern und Jugendlichen, Samba-Musik erklingt, einige jagen hinter dem Tier her, die Kamera begleitet das ungleiche Rennen über Treppen und durch die engen Straßenzüge der „City of God“, einer Favela (Vorstadt-Slum) von Rio de Janeiro. Das gehetzte Tier rennt um sein Leben, die Verfolger sind ihm hart auf seinen Fersen. Das Publikum weiß, es geht nur um ein Huhn, dessen Schicksal besiegelt scheint, aber ist es nicht Sinnbild für jeden Bewohner dieses von Gott verlassenen Ortes, der in die Fänge oder zwischen die Fronten der allgegenwärtigen Gewalt gerät?

Nach diesem Prolog spult der Film gute 15 Jahre zurück ins Jahr 1968, als die Welt noch „in Ordnung“ war und die berüchtigste Bande des Viertels durch eher harmlose Überfälle auf Lastwagenfahrer Respekt errang. Doch schon hier wird die Saat gelegt für zukünftige Gewalt: Andere Jugendliche, halbe Kinder noch, bewundern eben jene, die sich gegen das elende Leben und die Polizei auflehnen, wollen sich ihnen anschließen, ja sie übertreffen. Das personifizierte Böse erhält schon früh einen Namen: Zé Pequeno (Leandro Firmino da Hora), genannt Löckchen, der sich im Laufe seines Aufstieges in Locke umbenennt. Parallel zu seiner Geschichte begleiten wir den gleichaltrigen Buscapé (Alexandre Rodrigues), der dem Verhängnis der Gewalt widerstehen kann, am Ende Fotograf wird und dessen Stimme aus dem Off die wichtigsten Fäden zusammenhält.

Der Film ist ein grandioses Werk, er vereint Elemente des Action- und Gangster-Kinos mit einer MTV-Ästhetik und ist mit einer Berichtsspanne von fast 15 Jahren beinahe als Epos zu bezeichnen. Die gezeigten Handlungsstränge beruhen auf wahren Ereignissen, den Beweis der Authentizität bringt Regisseur Fernando Meirelles, als er vor dem Abspann Ausschnitte eines Interviews bringt, das einer der im Film dargestellten Gang-Bosse nach seiner Festnahme gab.
Was den Film von ähnlichen Werken seiner Zunft abhebt, ist die Kompromisslosigkeit und Rasanz, mit der der Werdegang der Protagonisten gezeigt wird. Kein Stillstand lautet das Credo, das Publikum wird von der ersten Minute an mitgerissen und kann sich fortan der Dynamik der Geschehnisse nicht mehr entziehen. Macht und Gewalt bilden den Motor, der mit jeder Minute einen Gang höher schaltet, die Eskalation scheint schicksalhaft, unaufhaltsam. Aus der „City of God“, in der der Film ausnahmslos spielt, gibt es kein Entkommen. Niemand ist sicher, Freundschaften zählen nicht, man kann mit dem Bösen paktieren oder versuchen, sich herauszuhalten, aber eine Überlebensgarantie gibt es nicht. Versuche einer Humanisierung sind marginal und haben keine Chance auf Erfolg (Bené wird erschossen, der „Stecher“ wandelt sich vom Paulus zum Saulus), einzig Buscapé bleibt als moralisches Gewissen.

Gewalt in der Stadt Gottes ist in der Regel ein spontaner Ausbruch, ein willkürlicher Akt, aus dem Moment oder einer Laune geboren. Gewiss, es geht um die Kontrolle des Rauschgiftmarktes, um Territorien, aber die Regeln der Kriegskunst sind außer Kraft gesetzt in einer Umwelt, wo das nackte Überleben an sich schon schwierig ist. Wer seinen hart errungenen Knochen behalten will, der fackelt nicht lange, der macht platt, was/wer nicht passt.
Das alles wird eingefangen von einer Kamera, die immer hautnah dabei ist, wenn die Gangs sich zu einem neuen Raubzug zusammenrotten, in ihren abgewrackten Wohnungen herumhängen oder auf der Straße Drogen verticken. Die engen Gassen gleichen einem Labyrinth, hinter jeder Ecke lauern Armut, Bedrohung, Gefahr. Mal scheinen wir uns inmitten Lockes Bande zu befinden, dann schwenkt die Kamera sich in die Vogelperspektive auf, die Männer bewegen sich im Halbdunkel fort, mal in Zeitlupe, dann wieder im Zeitraffer. Die Bilder sind zum Teil verfremdet, grobkörnig, verwackelt, und dann folgt doch auf einmal wieder ein Close-up auf eins der Gesichter.

Orientiert sich Meirelles’ Handlungsstrang am Schicksal seiner Protagonisten, so ist Braulio Mantovanis Drehbuch virtuos genug, um weitere Nebenfiguren fragmentarisch zu beleuchten und dadurch kleinere Schicksale einzufügen. Sie werden z.T. zeitlich versetzt erzählt („aber seine Geschichte wird noch kommen…, er wird noch eine wichtigere Rolle spielen“), bekommen eigene Kapitelüberschriften, Rückblenden werden kurz illustriert und aus dem Off erzählt, um Zusammenhänge bzw. Anschlüsse zu bilden. Auch auf diese Weise ergibt sich ein spannendes und mosaikartiges Abbild einer verstörend-verwirrenden Welt.

Es werden nur marginale Gründe geboten, warum aus Kindern Drogenhändler und Mörder werden. Ebenso steht es mit Lösungsmöglichkeiten (die Qualität der Obrigkeit reicht von machtlos bis korrupt), uns, dem Publikum, werden die schrecklichen Zustände geschildert und uns dann überlassen, Schlüsse zu ziehen. Nicht mehr, nicht weniger. Denn wie können jene schon aussehen, wenn als Schlusssequenz waffenstarrende halbwüchsige Kinder sich des Machtvakuums annehmen und sich mehr als nur spaßeshalber über die Besetzung von Todeslisten unterhalten?


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