OPEN HEARTS

Open hearts        (Elker dig for evigt, Dänemark 2002)

Regie: Susanne Bier. Buch: Anders Thomas Jensen und Susanne Bier
Mit: Sonja Richter (Cecilie), Nikolaj Lie Kass (Joachim), Mads Mikkelsen (Niels), Paprika Steen (Marie), Stine Bjerregaard (Stine), Birthe Neumann (Hanne), Niels Olsen (Finn) u. a.
113 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Synopsis und Kritik: Ein offenes Herz – so der Titel des Films -, das ist das Sinnbild für das Zulassen von Gefühlen, für das Vertrauen in die Ehrlichkeit des anderen, für Verletzlichkeit, Preisgabe von intimsten Gedanken und Hoffen auf ein Glück jenseits gesellschaftlicher Konventionen und Zwänge. Liebe als Mittelpunkt der Handlung, aber die Aufzählung zeigt, dass es durchaus ein zweischneidiges Schwert ist, sich auf die Liebe und ihren Auswirkungen einzulassen.

OPEN HEARTS zählt jedenfalls sicherlich zu jenen Kinofilmen, die eher die Schattenseiten Beleuchten. Denn seien wir einmal ehrlich: Am Ende möchte man wohl mit keinem der vier Hauptdarsteller tauschen:
– Joachim ist nach einem Unfall querschnittgelähmt und hat er nach seelischer Krise seine Situation zu akzeptieren gelernt. Der Preis dafür war der Entschluss, seine langjährige Freundin Cecilie freizugeben, um ihr ein eigenes Leben zu ermöglichen.
– Cecilie droht selbst an der Abweisung ihrer Liebe durch den anfänglich zynisch-aggressiven Joachim zu zerbrechen. Halt findet sie in Trost durch und späterer Zuneigung zu Niels, die schon fast obsessive Züge annimmt. Als ihre Beziehung die Ehe von Niels und Marie ernsthaft bedroht, erscheint als Ausweg nur die Trennung von beiden Männern.
– Marie, die den Unfallwagen gefahren hat, bat ursprünglich Niels (der im Krankenhaus arbeitet), sich um die seelisch angeknackste Cecilie zu kümmern. Nun muss sie mit ansehen, wie ihr Mann die vormals intakte Familie verlässt, ohne dass sie ihn zurückhalten kann.
– Niels letztendlich, der nur als „beauftragter Tröster“ die Bühne des Geschehens betrat, lässt sich mit der wesentlich jüngeren Cecilie auf eine Affäre ein, aus der für ihn bald Liebe wird. Der Preis ist hoch, der dreifache Vater lässt Frau und Familie im Stich und steht am Ende mit leeren Händen da.

Eine Sekunde verändert das ganze Leben heißt es im Untertitel, im Film selbst wird dieser Fall mit schicksalhafter Konsequenz durchexerziert. Nach dem Unfall ist für alle Beteiligten nichts mehr so wie früher, das harmonische Leben, in den ersten Minuten dargestellt, wird abgelöst durch ein Drama aus Schmerz, Trauer, vergeblicher Hoffnungen und Ungewissheit. Selbst die wenigen Momente des Glückes, die Niels und Cecilie erleben, haben einen bitteren Nachgeschmack angesichts der folgenden Entwicklungen. Bewahrheitet sich hier, dass Beziehungen, die aus Extremsituationen resultieren, keinen Bestand haben?

Regisseurin Susanne Bier und ihr Autor Andres Thomas beleuchten eine Welt, aus der es für die Hauptakteure keinen positiven Ausgang zu geben scheint. Von der Gewichtung her ist es Niels noch am ehesten gegeben, sein Los zu beeinflussen und selbst für seine Handlungen verantwortlich zu sein. Er wird durch das Zulassen seiner Leidenschaft und der Entscheidung, die Familie zu verlassen, zum wahren tragischen Helden der Geschichte. Er hat es von den Vieren am ehesten in der Hand, die Dinge zum Guten zu wenden, zerbricht aber letztendlich an der Herkulesaufgabe und muss den tiefsten Fall erleben. Cecilie, jung, unerfahren und – abgesehen zu Joachim – ohne feste soziale Kontakte, mag man noch eher nachsehen, dass die Dinge eben so (über sie) gekommen sind. Marie und Joachim, die durch den Unfall zum Auslöser der tragischen Ereignisse geworden sind, können indes in der Folgezeit meist nur reagieren, sind an Familie und Bett „gefesselt“ und werden – wenn man so will – zum Spielball des Schicksals.

Unnötig zu vertiefen, dass eine derartige Handlung durch die Dogma-Regeln der Filmerstellung zusätzliche Intensität und Authentizität erhält. Hier wird nichts geschönt, das Publikum wird zum ständigen Zeugen der seelischen Berg- und Talfahrten auf der Leinwand und fühlt bald gewissermaßen am eigenen Leibe, wie es nach jedem positivem Lichtblick nur noch schlimmer kommt. Selbst die visionären Hoffnungen, wenn z.B. Cecilia die Berührung durch den gelähmten Joachim herbeisehnt, werden mit noch härteren Bildern, weil grobkörnigerem Filmmaterial, eingefangen. Ein spärlich eingestreuter, von Melancholie dominierter Soundtrack vervollständigt die Stimmung dieses sehenswerten Filmes.


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