HALBE TREPPE

Halbe Treppe      (D 2002)

Regie: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche u. Andreas Dresen.
Kamera: Mark Hammon. Schnitt: Jörg Hauschild. Musik: 17 Hippies
Mit: Gabriela Maria Schmeide (Katrin), Axel Prahl (Uwe), Thorsten Merten (Christian), Steffi Kühnert (Ellen) u.a.
111 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Synopsis und Kritik: Auf einem Flyer zum Film OPEN HEARTS heißt es in einer Kritik kurz und knapp: Warum gibt es in Deutschland nicht so einfache und dennoch bewegende Filme?  Nun, ich kann diese besorgte Stimme beruhigen: Sie sind sehr wohl vorhanden, diese kleinen, aber feinen Filme, die jenseits der Schenkelkopfkomik eines SCHUH DES MANITU und der bleiernen Autorenkinotragik früherer Jahre liegen. Und auch wenn HALBE TREPPE kein Dogma-Zertifikat im Vorspann zu bieten hat, so versteht es Regisseur Andreas Dresen ganz so wie seine skandinavischen Berufskollegen, die Problematik zwischenmenschlicher Beziehung gekonnt und unverkrampft ins Bild zu setzen.

Überhaupt haben OPEN HEARTS und HALBE TREPPE nicht nur die Art der Aufnahme (Stichwort Wackelkamera) gemeinsam. In jedem der Filme gibt es vier Hauptpersonen, zwei Paare, wovon sich dann eine Partnerin in den der Gegenpartei verliebt. Hier wie da sind es unvorhersehbare Ereignisse, die die eingefahrenen Routinen, zu denen das (Zusammen-)Leben der Protagonisten mit den Jahren geworden ist, aus den Angeln heben: Auf der einen Seite der Autounfall, auf der anderen Seite die 1001. Berührung zwischen Ellen und Christian, bei der es „Klick“ macht.

Indes: Ist ein Autounfall als auslösendes Moment keinem zu wünschen, so mögen die aufkeimenden Gefühle in HALBE TREPPE eine Art Anfang der besseren Zeiten für die Liebenden sein. Denn die Leidenschaft ist bei beiden Paaren längst im Alltag abgestumpft. Uwe bringt es unbewusst auf den Punkt, als er sagt, dass das letzte Glücksmoment seiner inzwischen 13-jährigen Ehe mit Ellen die Geburt seiner ca. 10-jährigen Tochter war. Christian, der mit Katrin in einer viel zu kleinen Wohnung lebt, hat die Autorität über seine halbwüchsigen Stieftochter verloren und spult jeden Morgen eher lustlos seinen Job (Radio-DJ „Magic Chris“) herunter. Diese Existenzen werden mit einer Kamera eingefangen, die immer nahe am Geschehen ist und dieses in grobkörniger Optik einfängt. Das winterlich-graue Frankfurt an der Oder tut ein Übriges, um die Tristesse auch äußerlich zu unterstreichen. Wenn Katrin morgens ihren Dienst als LKW-Parkplatzwächterin antritt, einsam durch den Schnee stapft oder tagaus, tagein in ihrem Kabuff die Parkscheine abrechnet, dann wird klar, dass weder Beruf noch Privatleben gegenwärtig für die drei allzu verheißungsvoll sind. Einzig Uwe, der vom Typ her eher zu den Grobschlächtigeren zu zählen ist, kann der Arbeit in seiner Imbissstube „Halbe Treppe“ noch Positives abgewinnen. Und merkt dabei nicht, dass seine Frau Ellen sich längst unausgefüllt und unverstanden fühlt. Kein Wunder, wenn sie sich dem feingeistigeren Christian zuwendet.

Indes: Die Momente, die sie für sich haben, sind kurz, sie fliegen vorbei, scheinen zu schön um wahr zu sein, dann schon wird ihr Verhältnis entdeckt. Nachdem Katrin den ersten Schock überwunden und auch Uwe schließlich im Bilde ist, beginnt das Ringen um die Zukunft. Dabei setzt Regisseur Dresen nicht auf Extreme oder zaubert Patentlösungen aus dem Ärmel, dazu setzt der Film viel zu sehr auf Realitätsnähe. So verliert sich eine Aussprache der vier in gegenseitige Wortlosigkeit, läuft Uwes Aktionismus zur Rückgewinnung von Ellen ins Leere und offenbart Chris zunehmend Angst vor der eigenen Courage. Wir haben es mit Durchschnittsmenschen zu tun, die jeden Tage ihren Mann (ihre Frau) stehen, die weder besonders schön noch klug sind, aber ihre Gefühle und Sehnsüchte haben. Die Kamera ist immer präsent, fängt auch die einsamen Momente der Hoffnung, Zweifel und Resignation ein, lässt den Zuschauer tief in die geschundenen Seelen schauen.

HALBE TREPPE ist aber nicht nur ein trauriger Film, sondern Dresen versteht es immer wieder- offen oder unterschwellig – komische Sequenzen einzubauen. Die astrologischen Bonmots von „Magic Chris“ zum Beispiel, die sich unerwartet als Weissagungen entpuppen. Die Völlerei nach dem Gymnastikkurs. Die Art und Weise, wie Uwe erfährt, mit wem ihn seine Frau betrügt. Last but not least die schon beinahe Running Gag zu nennende wundersame Vermehrung der Straßenmusiker (die Gruppe „17 Hippies“ spielt sich selbst) vor der Imbissstube; hier erreicht der Film schon Kaurismäkis’sche Ausmaße.


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