BAND IN THE MODERN WORLD

*** BAND IN THE MODERN WORLD * Deutschland / Israel / USA 2011 * Musik: TV Buddhas, Limahl, John Williams * Kamera, Drehbuch und Regie: TV Buddhas * Darsteller/-innen: Uri Triest, Mickey Triest, Juval Haring, u. a. * [teilw. s/w] * [OmeU] * 66 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Fanatic Promotion)

(Denver, Colorado)
Mickey: „This is crazy. We drove 24 hours to get here.“
Juval: „24 hours and no show. The promoter is in Connecticut.“
Mickey: „This is the worst ever.“

Synopsis: Mickey Triest (Schlagzeug), ihr Bruder Uri (Gitarre) und ihr Ehemann Juval Haring (Gesang / Gitarre) wohnen inzwischen in Berlin, sind ursprünglich aus Tel Aviv und zusammen die Garage Punk Band TV Buddhas.

Im Herbst 2010 bricht die Band zu ihrer ersten und selbst organisierten zweimonatigen USA-Tournee auf, doch ihre Reise von New York City nach Los Angeles und zurück, die auch einen kurzen Abstecher nach Kanada beinhaltet, ist von Beginn an mit „desaströs“ noch euphemistisch beschrieben: Die Promoter ihrer Shows sind oft nicht vor Ort, Konzerte finden wiederholt vor null Zuschauern, oder nach zum Teil 24stündiger Anreise überhaupt gar nicht erst statt, ihre Gagen reichen nicht einmal fürs nächste Frühstück.

Ursprünglich nur ein ihre Tour dokumentierender Video-Blog, gerät ihr in Eigenregie produzierter Film BAND IN THE MODERN WORLD zunehmend zum Beichtstuhl für eine grandios scheiternde Band, die allen Widrigkeiten des Lebens on the road dennoch mit Sarkasmus und einem letztlich nie vollends auslöschbaren Optimismus trotzt, obwohl nicht nur Heimweh und Geldsorgen ihre ständigen Begleiter sind, sondern eben auch eine jeder Beschreibung spottende Erfolglosigkeit:

Am Ende ihrer Ochsentour haben sie 50 Konzerte in den USA und Kanada gespielt. Vor insgesamt 500 Zuschauern. Übrig bleibt eine Familienband(e) am Rande des Abgrunds und 100 Dollar. Nicht Gewinn, sondern Restvermögen.

Kritik: Bild- und Tonqualität von BAND IN THE MODERN WORLD sind Garage Punk galore. Will meinen: Unfassbar lo-fi. Der Film bleibt auch auf der Kinoleinwand, für die er definitiv nicht gemacht wurde, nichts weiter als die Quintessenz der Video-Botschaften, die die ständig zwischen Enttäuschung und Sarkasmus schwankenden TV Buddhas im Herbst letzten Jahres auf ihrem Blog veröffentlichten, lediglich umgeschnitten und mit englischen Untertiteln versehen. Der geneigte Cinéast sollte seine Sehgewohnheiten also am besten gleich mit dem Eintrittsgeld an der Kinokasse abgeben, sonst erlebt er mit diesem (Anti-)Film eine unweigerliche Enttäuschung.

Hat man sich mit der schlechten audiovisuellen „Qualität“ von BAND IN THE MODERN WORLD aber erst einmal abgefunden, erinnert diese tragikomische Odyssee durch die Vereinigten Staaten in seinen besten Momenten durchaus an ANVIL – DIE GESCHICHTE EINER FREUNDSCHAFT, jene grandiose Ode an die gleichnamige und ebenfalls extrem erfolglose kanadische Thrash Metal Band. Der immer wieder aufblitzende berückende Humor der TV Buddhas (Juval: „When the GPS calls it a Wal-Mart Supercenter … Wal-Marts are already pretty big … a Wal-Mart Supercenter sounds like the Death Star of Wal-Marts.“) kann dem Film zudem immer wieder auf die Sprünge helfen, wenn er sich allzusehr in Belanglosigkeiten und Beliebigkeiten verstrickt, von denen dieser Film, der niemals Film sein will, leider aber auch nur so strotzt: Selbst um die alltäglichsten Banalitäten des Tour-Alltags machen die TV Buddhas keinen Bogen, sondern dokumentieren auch noch dann, wo es nun wirklich nichts mehr zu dokumentieren gibt: Die Langeweile auf der Kinoleinwand darf sich ohne schützenden Deich immer mal wieder in den Zuschauerraum ergießen.

BAND IN THE MODERN WORLD besticht nämlich vor allem durch seine rücksichtslose Intimität, die aber irgendwann nicht nur den Blickradius des Zuschauers gewaltig eingeschränkt: Über 90 Prozent des Films sieht man die TV Buddhas aus nächster Nähe – Mickey, Uri und Juval sprechen direkt in die Kamera, reichen sie herum, filmen sich gegenseitig, pfeifen auf ein nicht vorhandenes Drehbuch, haben kein Konzept und machen trotzdem irgendwie einen unterhaltsamen, wenn auch nicht wirklich abendfüllenden Dokumentarfilm daraus.

Aber eben leider keinen Roadmovie, denn dafür richtet sich die Kamera einfach zu wenig auf Das-da-draußen, sondern verbleibt im Mikrokosmos Band-Gefüge. Das wirkt auf Dauer klaustrophobisch, entspricht aber der schonungslosen Machart, die Band, Film und (ihrer erstaunlich poppigen, wenngleich selbstverständlich rauen) Musik gleichermaßen innewohnt: BAND IN THE MODERN WORLD ist trotzige Hymne und bitterer Abgesang auf den Mythos Rock’n’ Roll zugleich, und ein Tour-Tagebuch einer sich als Versager fühlenden Band, deren einzige Rettung tatsächlich die Katharsis im Sinne der klassischen griechischen Tragödie darstellt.

P.S.: Bei ihrem gelungenen Konzert im Münsteraner Club „Gleis 22“ am 1. März 2011, wo sie als zweite von drei Bands auftraten, waren im übrigen mehr als 50 Zuschauer anwesend, die das im Rahmen der „Record Riot“-Konzertreihe wie üblich verkleinerte Gleis gut ausfüllten. Die TV Buddhas waren die beste Band des Abends.

Möge dieser Band, ähnlich wie Anvil, am Ende Gerechtigkeit widerfahren.

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