THE KING’S SPEECH

The King’s Speech      (USA, AUS, GB 2010)

Regie: Tom Hooper. Buch: David Seidler. Kamera: Danny Cohen. Musik: Alexandre Desplat. Produktion: Iain Canning, Emile Sherman, Gareth Unwin
Mit: Colin Firth (‘Albert’ König George VI), Geoffrey Rush (Lionel Logue), Helena Bonham Carter (Queen Elizabeth), Guy Pearce (‘David’ König Edward VIII), Michael Gambon (König George V), Timothy Spall (Winston Churchill), Derek Jacobi (Erzbischof Cosmo Lang) u. a.
118 Minuten       (8 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: London 1934. Albert, Herzog von York (1895–1952), leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung. Nach vergeblichen Konsultationen renommierter Ärzte zeigen sich erste Erfolge, als er sich den exzentrischen Methoden des Therapeuten Lionel Logue anvertraut. Nachdem sein Bruder David = Edward VIII wegen der Affäre mit der verheirateten Bürgerlichen Wallis Simpson 1936 abdankt, fällt die Krone an Albert, was kurzfristig zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und Logue führt. Die Vorbereitung der Krönungszeremonie führt die Männer wieder zusammen. Zur großen Bewährungsprobe für Albert = George VI wird die Rede an die Nation nach Großbritanniens Kriegserklärung an das Deutsche Reich am 3. September 1939.

Kritik: Ein Herzog bzw. König, der kaum ein Wort herausbekommt, wenn er vor ein Mikrophon tritt und sich den unkonventionellen Praktiken eines Australiers unterwirft, der – wie sich herausstellt – ein Autodidakt ohne Examina und Referenzen ist: Das klingt nach Komödie. In der Tat erfüllt THE KING’S SPEECH in den Anfangssequenzen, nachdem Alberts Rede zur “British Empire Exhibition” im Jahre 1925 beredtes Zeugnis seiner Behinderung gegeben hat, die Erwartungen des Publikums. Allerdings wird auch von Beginn an gebührender Respekt und Liebe zu den Charakteren gewährt.

Helena Bonham Carter als Elizabeth schiebt ihren Gatten in die Praxis jenseits der feinen Londoner Quartiere, zeigt sich damit als treibende Kraft, die mit Witz, Engagement und ohne Scheu vor außergewöhnlichen Maßnahmen das ihrer Meinung nach Beste für ihn tut. Zusätzlichen Reiz gewinnt ihre Darstellung, als dass man in ihr gerne jene Queen Mum entdeckt, die der Nachwelt als muntere und Gin liebende alte Dame in Erinnerung geblieben ist.

Geoffrey Rushs imposante Erscheinung als Lionel Logue beherrscht in der Folgezeit die Szenerie. Seine Praxis im Souterrain kommt dem Abbild eines Höllenschlundes recht nahe, in dem der Leibhaftige selbst mit Shakespearesker Bühnenpräsenz den Opfern (pardon: Patienten) den Stempel aufdrückt und seine Übungen diktiert. Die Darstellung von Logue erinnert anfangs stark an die grotesken, überzeichneten Figuren aus dem Coen’schen Universum.

Zugegeben: In diesen Szenen kann es uns um den Herzog Angst und Bange werden, zumal er ein ums andere Mal knochentrockene Bemerkungen des Australiers zum Britischen Königshaus und dem Adel allgemein einstecken muss. Nach dem anfänglichen Crescendo in dessen Behandlungsraum tauchen wir aber weiter in die Psyche von Albert ein, in die Auswirkungen seiner Kindheit, die strengen Verhältnisse am Hof und die staatspolitische Rolle, die der König in den 30er Jahren mehr als heute in Großbritannien einnahm. Die Verstrickung all jener Aspekte transportiert der Film nach außen, und sein Gesicht ist nun mal das des Protagonisten, dargestellt von Colin Firth, und er meistert die heikle Aufgabe mit Akkuratesse und Überzeugungskraft.

Den filmhandwerklich fehlerlosen und ausgezeichnet gespielten Film durchzieht ein Hauch von Dunkelheit und Betrübnis, der einerseits sinnbildlich für das Leiden Alberts unter seiner Kindheit und Behinderung ist, andererseits auch die schwierige Zeit im Vorkriegsengland widerspiegelt. London zeigt sich neblig, die königlichen Gemächer ersticken in Dämmerlicht und schwerem Mobiliar, die einzigen Szenen, die in Licht getaucht sind, sind jene, die sich um Alberts Bruder David drehen und dessen tragische Liaison zu Wallis Simpson.
Dass mit den Ingredienzien Komik und Melodram THE KING’S SPEECH letztendlich doch ein “Feel-Good-Movie” gebacken wurde, liegt an der menschlichen Wärme und Leidenschaft, die er zum Ausdruck bringt. Sie zeigen sich besonders im Zusammenspiel von Albert und Logue, die eine lebenslange Freundschaft verband, aber auch beim Blick in die Privatgemächer der beiden, wo sie ungezwungen und “wie du und ich” als Familienmenschen mit Frau und Kindern herum tollen.

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